Mo – So, 09.-15.Jan 2012 (Ushuaia, Puerto Williams)
Damit es eine „saubere“ Woche wird, nehmen wir das Angebot von Dennis und Mike natürlich an und so stehe ich am Morgen mit unserer Wäsche am Steg, Dennis leistet mir bei einem Plausch Gesellschaft während Mike den Mietwagen abholt. Dann kann es losgehen zur Wäscherei. Während die Land Fall Crew ihre weiteren Besorgungen mit dem Auto erledigt, marschiere ich zu Fuss in die Stadt und zur Post. Dort empfängt mich eine Warteschlange bis auf die Strasse hinaus, in die ich mich brav einreihe. So kann ich eine Stunde lang die 3 Schalter beobachten, hinter denen Beamten-Mikado gespielt wird. Aber das ist nicht ganz wahr, denn schließlich haben sie in der Stunde eine recht lange Menschenschlange abgefertigt. Kein Wunder, dass viele Argentinier und Indios so klein sind, wenn sie sich dauernd die Beine in den Bauch stehen müssen. Dafür sind die Briefmarken recht groß, von denen jeweils zwei auf die kleine noch freie Fläche sollen, ein Ding der Unmöglichkeit. Entweder wird die Adresse oder der geschriebene Text zugeklebt. Bis ich am Club zurück bin, ist es bereits 1200h und der Marinero macht Pause bis 1600h. Er setzt mich trotzdem noch über und verspricht auch, gegen 1430h wieder vorbei zukommen, um uns wieder an Land zu bringen. Nachdem wir nicht wissen, wie viel Zeit das Ausklarieren in Anspruch nehmen wird und andererseits unsere Wäsche spätestens um 1730h abgeholt werden muss bevor die Wäscherei schließt, wäre es zur „regulären“ Arbeitszeit des Marinero sicherlich zu spät. In der Prefectura herrscht Hochbetrieb und wir müssen warten, dann geht aber alles recht einfach und schnell. Die Immigration wird gleich mit erledigt und danach noch zum Zoll. Wir brauchen nur eine Kopie des Formulars von der Prefectura dort abgeben, der Beamte wünscht uns eine gute Fahrt und drückt uns die Hand – das war’s. So bleibt uns noch etwas Zeit, um im Internet Emails und Wetterdaten herunter zuladen, dann bin ich mit Mike auch schon wieder unterwegs, um unsere Wäsche wieder abzuholen.
Kaum zurück im Club, wartet Ilona schon mit Lisa auf die Überfahrt zu Bomika. Neben einem sündigen Wein (er nennt sich laut Label tatsächlich so) bekommen wir einen kleinen Plüschpinguin zum Abschied als zusätzliches Crewmitglied. Wir verbringen einen feuchtfröhlichen Abend, bis Paolo mit dem Dingi vorbeikommt und Ilona wieder abholt. Für einen Drink hat er leider keine Zeit.![]()
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Am Dienstag nach dem Morgenkaffee wird mal wieder die Machete gezückt, um unsere Ankerkette vom großen Kelp Bündel zu befreien. Der Himmel ist bedeckt, das Baro ziemlich im Keller und leichter Regen tröpfelt von Zeit zu Zeit auf uns hernieder. Wir melden uns über Funk noch mal bei der Prefectura ab und setzen die Genua, die uns bei Rückenwind gut vorwärts treibt. Allerdings hält der Wind nichts von Schlankheitskuren und Diäten sondern nimmt ganz schön zu. Die dazu gehörigen achterlichen Wellen gepaart mit heftigen Böen drücken Bomika immer wieder ganz schön aus dem Kurs und für einige Zeit müssen wir per Hand steuern. Das geht ganz schön in die Arme, wir sind eben bereits viel zu verwöhnt von unserer Windfahnensteuerung „Horst“ oder dem elektrischen Gegenstück „Gustav“. Dafür pendelt unsere Geschwindigkeit zwischen 7 und 8 Knoten Fahrt plus einem Halben Knoten Schiebestrom. Das bleibt aber nicht immer so, zwischendurch geht Äolus auch mal die Puste aus und er säuselt nur noch mit 6-8 Knoten, nicht viel von achtern. So relativiert sich unsere Rauschefahrt, trotzdem schaffen wir die Strecke in nur 5 Stunden.
Wie so oft, war das Ankommen das Schwierigste. Wir haben erst versucht, im Seno Lauta, einem Flüsschen gleich neben der Bucht, in der der südlichste Yachtclub der Welt „Micalvi“ liegt, zu ankern. Beim ersten Mal kamen wir am Ende der Kette zu nah ans Ufer, beim zweiten Mal klappte es besser – zumindest solange der Wind nicht dreht. Doch bei dem kräftigen Wind wird es schwierig, über die Bucht an Land zu kommen, sei es zum Einklarieren oder für Ausflüge. Die nächste Überlegung war, dass für die nächsten Tage ab Donnerstag stürmische Winde vorhergesagt wurden, was es noch schwieriger macht und uns an Bord fesselt, anstatt den Ort kennen zu lernen. Also gehen wir wieder Anker auf und zum Yachtclub. Der Steg besteht aus einem alten Dampfschiff, das hier auf Grund gesetzt wurde und an dem die Segler links und rechts im Päckchen festmachen. Die Deckskabinen des Dampfers beherbergen neben einer heimeligen Bar auch Duschen und Toiletten. Doch es sollte erst noch 3 weitere Anlegemanöver dauern, bis es endlich geklappt hat. Kräftige Windböen haben immer wieder im ungünstigsten Augenblick eingesetzt und unser Heck abgetrieben oder Bomika zu stark auf die Yachten abdriften lassen, so dass eine Karambolage nur mit beherztem Gasgeben und einem Neuversuch verhindert werden konnte.
Nachdem wir als viertes Schiff im Päckchen fest vertäut lagen, kamen wir beim Gang an Land auch über Resolute gestolpert. Peter und Frank haben uns kurz darauf begleitet bis zur Capitaneria del Puerto, die auch die Prefectura beherbergt. Die ersten Formulare werden ausgefüllt, und wir sollen noch eine ½ Stunde bleiben, denn Zoll, Immigration und Gesundheitsamt kommen um 1800h her und wir können uns den Weg sparen. Wir nutzen die kurze Wartezeit für einen kleinen Spaziergang und stiften in der Kirche die längst fällige Kerze, die wir als Dank für die gute Fahrt durch die stürmischen Regionen versprochen haben. In der Kirche hängen neben gebastelten Pappengeln auch eine große Tafel, auf der der alte Herr im Himmel mit der Welt telefoniert, doch die Datenleitung wird von einer Friedenstaube mit dem Schnabel gekappt. Was auch immer das hier bedeuten mag, wir denken an Aloisius, der durch seinen verlängerten Aufenthalt im Hofbräuhaus die Bayerische Regierung immer noch auf die göttliche Eingebung warten lässt. Der Kreuzweg an den Wänden besteht aus handgeschnitzten Holzreliefs, die die Hingabe des Künstlers verraten. ![]()
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Zurück in der Prefectura werden alle weiteren Formulare der übrigen Behörden schnell erledigt und wir bekommen jede Menge Anstecker, Anhänger und Schreiber als Werbematerial geschenkt. Dank Internet – wenn auch wackelig – wird ein 5-seitiges Formular auf Spanisch ausgefüllt, das wir am nächsten Tag noch abgeben müssen. Ansonsten sind wir froh, nach einem einfachen Abendessen in die Kojen zu kriechen.
Den Mittwochvormittag vertrödeln wir mit Hafenkino vom Feinsten: die große fette Yacht „Santa Maria Australis“ will auslaufen, an ihr hängen noch zwei weitere Yachten und eine dritte läuft gerade ein und will sich dazu hängen. Es wird umgeparkt und ausgeparkt, ein Ballett der Segelyachten im engen Hafenbereich, aber alles läuft soweit glatt. Ebenso will sich die „Resolute“, die fast ganz innen im zweiten Päckchen liegt, schon mal nach außen verlegen, damit sie am Nachmittag problemlos abdampfen kann. Dazu verlegen wir uns zusammen mit den Franzosen, die außen an uns festgemacht haben, an das Päckchen weiter vorne. Am Abend wird dann unser Päckchen noch mal reduziert, da unser innerer Nachbar ausläuft. Also ziemlich viel Bewegung im Hafen!
Zwischendurch liefern wir unseren Fragebogen bei der Prefectura ab und machen noch einen Spaziergang durch einen Teil der Ortschaft und hintenherum durch die Hügel zurück zum Hafen. Dabei passieren wir die Plaza de la Virgen, ein kleiner umzäunter Park mit einer übergroßen Muttergottes und ein paar Sitzbänken. Auf der Halbinsel dem Yachtclub gegenüber befindet sich die alte Missionsstation, bei der nachmittags eine Pferdeherde herantrabt, die Fohlen werden gesäugt und tollen herum. Die ganze Herde scheint sich recht wohl zu fühlen, ebenso wie die Gänsefamilie. Weitere Yachten laufen ein und es wird recht voll, die Päckchen immer länger. Auch „Land Fall“ mit Dennis und Mike sind dabei sowie eine Italienische Yacht mit kunterbunter Besetzung: ein junger Israeli, ein Mädel aus Surinam und zwei Asiatinnen sind neben den drei italienischen Herren an Bord. Wir wundern uns, wo und wie all die Yachten doch noch einen Platz finden. Nachdem die Tage meist bedeckt sind und der Windgenerator an unserem recht geschützten Platz nicht viel Strom produziert, legen wir eine Stromleitung zum Dock an die letzte freie Steckdose. Doch der Strom bleibt aus, erst muss „Victor“ von der Prefectura kontaktiert werden und dafür ist es heute bereits zu spät.
Als wir uns am nächsten Tag mit Mike auf den Weg nach Villa Ukika machen, legen wir einen Stopp bei der Prefectura ein. Die noch fehlenden Daten unseres Epirb werden abgegeben und die Beamten telefonieren herum nach Victor, der für Stromleitungen am Pier zuständig ist. Der nimmt mich gleich mit zum Club, erklärt dass die von mir gewählte Steckdose nicht funktioniert und schaltet dafür eine andere frei, die allerdings auf der anderen Seite des Dampfers liegt und weitere 20m Kabel erfordert. Die weitere Verkabelung verschieben wir auf den Abend, erstmal ist Sightseeing angesagt. Ich schließe zu Lisa und Mike auf und wir erreichen Villa Ukika am Ost-Ende von Puerto Williams. Als sich die Chilenische Armada hier niedergelassen hat, wurden die Indios, Yahgans genannt, an den Ortsrand gedrängt und umgesiedelt. Es gibt nur noch wenige dieser ursprünglichen Bevölkerung aus Feuerland, die neben Spanisch ihre eigene Sprache Yahgana aufrecht erhalten und zumindest überwiegend Indianisches Blut besitzen. In einer Hütte werden einige Antiquate ausgestellt und indianische Handarbeiten oder alte Schwarz-Weiß Fotos zum Verkauf angeboten. Der Erlös hilft dem verbliebenen Volk zum Lebensunterhalt, für den die mickrige Sozialleistung des Staates bei weitem nicht ausreicht. Daneben bleibt nur noch ein bisschen Fischfang, entweder mit einem der alten, zusammengeflickten, kleinen Fischerboote oder mit Reusenkörben, die vor den Häusern oder auf der Strasse aufgestapelt sind. Den Verkauf erledigen zwei junge Mädels von etwa 11 Jahren, begleitet von einem kleinen, netten Rotzbengel, der auf die Beiden aufpasst – oder umgekehrt. Die angebotenen Handarbeiten sind Miniaturen der ursprünglichen Boote der Indios, hergestellt aus Baumrinde und Zweigen, mit denen sie in den rauen Gewässern rund um Feuerland und der Insel Navarino zum Fischen und Jagen unterwegs waren. Daneben auch aus Gräsern geflochtene Körbchen verschiedener Größe und aus Schaf oder Alpaka Wolle gestrickte Strümpfe und Mützen.
Nach einem kurzen Besuch im kleinen Supermarkt, der eher an einen Tante-Emma-Laden denken lässt, besuchen wir das Martin Gusinde Museum. Im Garten liegen alte Walknochen, im Inneren wird neben Ausstellungsstücken zur Historie von Indios und Besiedelung eine Bibliothek mit Leseraum sowie Internet kostenlos zur Verfügung gestellt. Nach der Rückkehr an Bord werden wir von Land Fall mit Tee, Bier, Käse und Pickels bewirtet, bevor wir uns nach 2200h alle aufmachen, um der „Micalvi-Bar“ unseren Antrittsbesuch abzustatten und unseren ersten Chilenischen Pisco Sour, das chilenische Nationalgetränk, zu genießen. Die Zeit vergeht beim Tratsch wie im Flug und bis wir alle wieder auf unsere Schiffe geklettert sind, ist es fast 0300h morgens. Klettern kann man dabei wörtlich nehmen, denn es gilt die Reling der unterschiedlich hohen Schiffe zu übersteigen und über etliche meist voll bepackte Decks zu klettern. Dabei werden viele unterschiedliche Hoheitsgebiete und somit Länder durchquert: Niederlande, Türkei (das erste türkische Schiff, dem wir begegnen, mit Sibel und Osman aus Istanbul), Australien, England, Norwegen, Frankreich, Italien, USA und viele mehr. Eine wirklich internationale Gemeinschaft!
Den Freitag verbummeln wir an Bord, es pfeift heftig, zwischendurch etwas Regen. Wir erledigen PC-Arbeiten und anderes, und an den beiden Duschen, die für den großen Andrang bei so vielen Yachten natürlich nicht ausgelegt sind, bilden sich Schlangen. Dafür gehen wir Abends mit Dennis und Mike in ein Restaurant in der Nähe, wir wollen unsere ersten Chilenischen „Completos“ (Hotdog mit verschiedenen Soßen und Sauerkraut) genießen. Frischer Fisch steht ansonsten auf dem Menü, aber frisch heißt in diesem Fall frisch angeliefert von der Fähre aus Punta Arenas und tiefgekühlt. Das stattdessen gewählte Fleisch ist auch nicht so dick wie vom Wirt angepriesen, aber auch die dünnen Lappen schmecken, vor allem Dank der scharfen Tomatensoße, die uns auf den Tisch gestellt wird.
Als wir zum Club zurückkommen, stehen dort zwei junge Offiziersanwärter in schmucker Uniform mit Säbeln und lassen sich gerne von uns fotografieren. Wir lernen, dass der Kapitän des Patroullienbootes, das zwischen Ushuaia, Puerto Williams und Kap Hoorn Einsätze fährt, heute abgelöst worden ist. Die restliche Gesellschaft mitsamt dem Kapitän kommt kurz darauf auf die Micalvi geschwankt, offensichtlich wurde schon gut gefeiert. Doch bevor der Kapitän seinen Fuss von der letzten Segelyacht auf die Micalvi setzt, fragt er mich um Erlaubnis, an Bord kommen zu dürfen, die ich ihm natürlich gewähre.
Auch die Crew der Deutschen Yacht „Alkyone“ finden sich ein und es stellt sich heraus, dass der Haupteigner Hans nicht nur derselbe Jahrgang ist wie ich, sondern ebenfalls in Pasing aufwuchs und wir zusammen die Grundausbildung beim Heer in der Münchner Bayernkaserne absolviert haben. Und nun treffen wir uns hier in Puerto Williams in Patagonien wieder! Das muss natürlich begossen werden und so werden noch ein paar Pisco Sour gekippt, der Flottenkapitän und seine Offiziere sind ebenfalls beim Feiern in der Micalvi Bar. Die Atmosphäre ist locker, entspannt und recht fröhlich, die Chilenen sind an den Geschichten der Segler sehr interessiert und mischen sich unters Volk, bis sich am frühen Morgen der Kapitän doch noch verabschiedet und relativ gerade, wenn auch leicht schwankend, die Bar verlässt.
Mit Ausschlafen wird es allerdings nichts. Um 0700h klopft unser Nachbar Ian sanft aufs Deck, weil er auslaufen will. Aber erstmal hat er für uns ein Haferl Kaffee bereit zum wach werden. Die Landleine ans andere Ufer holen wir mit unserem Bommelchen ein, unsere Leinen werden gelöst und die Vorleine hinten herum verlegt, so dass wir uns danach wieder leicht heranziehen können. Danach vertäuen wir uns wieder, diesmal an der Uzaklar, verkürzen die Stromleitung und alles ist paletti. Etliche andere Yachten laufen auch noch aus, dann folgen die niederländische „Danser“, die Norweger und auch „Landfall“ auf dem Weg in die Antarktis. Am Schluss trennt uns nur noch die „Uzaklar“ (übersetzt: weit entfernt) vom Dock der Micalvi, also wird es viel einfacher für unsere Miezen, an Land bzw. auf das Dock zu kommen. Insgesamt sind 11 Yachten ausgelaufen, 2 weitere sind neu dazu gekommen. Nun herrscht wieder Ruhe im Päckchenverband, der Tag ist derweil allerdings auch schon weit fortgeschritten. Dafür hat sich der Wind für heute beruhigt, der Himmel ist bewölkt und zwischendurch sprenkeln Regentropfen unser Deck. ![]()
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Im Ausgleich vertrödeln wir den Sonntag, arbeiten an unserer nächsten DVD und schauen uns selbst ein paar Filme an. Für morgen haben wir einen Landausflug ins Landesinnere geplant, um die raue Wildnis etwas genauer zu inspizieren, wenn nichts dazwischen kommt.
Geschrieben von: Bomika
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