Mo – So, 09.–15. Apr 2012 (Puerto Williams)

Zu Beginn der Woche noch immer kein Holz, langsam wird der Vorrat knapp. Wie lange die letzten Scheite wohl noch reichen? Montagabend dann der Abschied von „Berserk“ und dem Maori-Chief aus Neueeland. Bis zuletzt steht noch nicht fest, ob sie nach Rio de Janeiro segeln oder nur nach Ushuaia und das Schiff später über den Winter in Pto. Williams lassen. Wir werden ja sehen, ob sie noch mal zurück kommen, wir werden jedenfalls noch da sein.

Am Dienstag erhalten wir endlich die Benachrichtigung aus Deutschland – die Lieferung mit den Ersatzteilen ist bereits seit ein paar Tagen unterwegs, die Rechnung der Email beigefügt. Aber die Heckklampe und die Bilgepumpe fehlen auf der Rechnung. Ob die trotzdem dabei sind? Wenn es klappt, kommt alles am Freitag mit der Fähre an. Denis bringt uns ersatzweise ein paar Holzscheite vorbei, damit wir nicht frieren müssen, wenn die Lieferung noch länger dauert.

Am Nachmittag die gute Nachricht: die Ersatzteile sind bereits in Punta Arenas! Doch das Hochgefühl weicht zweifelndem bangen – jemand hat in Santiago geschludert und die falschen Formulare verwendet. Jetzt müssen die Frachtpapiere in Santiago geändert werden, damit die Auslieferung erfolgen kann. Ob das bis morgen Mittag noch klappt? Sonst ist die Fähre weg und alles dauert eine Woche länger. Derweil geben wir bei Denis eine Bestellung für ein paar zusätzliche Fallschirmraketen und Seenotmittel auf, vorsichtshalber auch zwei Edelstahlbolzen, damit wir ggf. ersatzweise die alte Heckklampe montieren zu können. Denis ist dafür 2 Std. am Telefon, um den richtigen Laden zu finden, der das vorrätig hat, und dann noch mal 3 Stunden bei den Carabinieros, um den Papierkram für die Entgegennahme von Sprengkörpern und Ähnlichem zu erledigen. Ansonsten kann keine Lieferung erfolgen.

Auch am nächsten Tag bekommen wir noch kein Holz für den Ofen, dafür ergibt sich ein Gespräch mit dem Chef der Navy Base, mit Miguel und Narciso wegen der Nutzung des Navy Krans, um Bomika auf die Pier oder an Land zu stellen. Da es für die Navy auf Grund rechtlicher Hürden und Regularien nicht ganz einfach ist uns Zivilisten zu helfen, bittet er um eine schriftlich dargelegte Planung für das Vorhaben, die Reparaturen und mit einer Begründung, warum wir auf die Hilfe der Navy angewiesen sind. Ansonsten wird es Zeit, Bomikas Deck mal wieder zu waschen und die Tanks mit Wasser zu füllen. Mit unseren Ersatzteilen hat es nicht geklappt, der Zoll braucht die ganzen Frachtpapiere neu aus München, das dauert seine Zeit. Ob es wohl innerhalb einer Woche klappt? Rostbeseitigung und -reinigung der Schraubzwingen steht auch noch auf dem Programm und wird sich wegen der Schwere der Verrostung durch Wiederholen der Prozedur mehrere Tage hinziehen.

Auch das Folgende ist Alltag: in der Nacht wird das Deck von Micalvi durch Hochwasser überschwemmt – und somit auch unsere „trockene“ Abstellkammer. Die Polster, die nach langer Zeit endlich trocken und dort eingelagert waren, sind natürlich wieder nass mit Salzwasser, daneben auch verschiedenes andere, dass wir sicher in „trockenen Tüchern“ währten. So ist eben das Leben, die Chilenen nehmen so was gelassen. Schließlich kommt es in Chile recht häufig vor, dass viele Menschen ihr Haus und Habe durch Erdbeben oder Tsunamis verlieren.

Dafür ist es ausnahmsweise mal ein warmer Tag, die Sonne scheint etwas öfters, die Temperatur klettert auf 12, 13 Grad. Gut, um die Polster noch mal zu spülen und zu trocknen. Edwin, mit dem wir die Polyesterarbeiten besprechen wollen, kommt nicht zur Verabredung um 1100h und lässt sich auch in den folgenden 2 Stunden nicht blicken. Dafür helfe ich Micki beim Umlegen seiner Yacht vom Päckchen 1 außen nach Päckchen 2 Platz 4, kombiniert mit „Simon de Danser“ von Pack 2 weiter nach innen und „Quetru Austral“ von Pack 2 Mitte nach außen, Platz 5. Das Schiffe verschieben ist fast wie mit dem farbigen Würfel spielen, nur etwas unhandlicher und wesentlich mühsamer.

Freitagmorgens holt mich Denis mit seinem Pickup ab, die leeren Kanister werden bei „Bomika“ eingesammelt und ab geht’s zur tanke, Diesel holen. Die vollen Kanister stellen wir auf dem Steg zur Micalvi ab, denn die Gewichte über 3 Schiffe zu hieven, ist viel zu umständlich und schwer. Mit dem Dingi geht das doch besser, auch wenn es seine Tücken hat, die vollen Kanister an Bord zu schaffen. 150l fülle ich gleich in den Tank, der schon bedrohlich auf Reserve zeigt. Die Dieselheizung verbraucht eben mit der Zeit doch einiges, das ist nicht zu unterschätzen!

Unsere Schraubbolzen und Seenotraketen kommen heute mit der Fähre an, nur das Isoliermaterial macht Probleme, da es mit den gewünschten bzw. benötigten Spezifikationen nicht aufzutreiben ist. Brennholz kommt auch keines, obwohl Miguel und Denis immer wieder beim Brennholzlieferanten anmahnen. Wenn uns Denis nicht immer wieder Holzscheite vorbei bringen würde, wären wir wohl schon im Haus erfroren oder könnten zumindest nur noch als Eskimos verkleidet herumlaufen oder schlafen.

Irgendwie wächst mir alles über den Kopf: was noch alles zu tun ist, die Arbeit scheint nicht enden zu wollen, wie lange sich alles hinzieht, nichts scheint so richtig voran zu gehen, alles nervt, die finanziellen Mittel werden knapp, Schlafdefizit und die eigenen Batterien auf Null, wann und wie wir irgendwann weiter kommen? Ich stürze in tiefe Depressionen und beschwöre damit eine Ehekrise herauf, die bei uns sonst eigentlich nie vorkommt.

Dementsprechend vergeht der Samstag in Trübsal, die Tätigkeiten und Arbeiten erfolgen im Fernsteuerungsmodus und ohne eine rechte Erinnerung daran zu hinterlassen. Aber am Sonntag geht’s schon wieder. Ersatzstahlseile und Schraubzwingen werden noch mal entrostet und zeigen endlich einen positiven Effekt. Dafür gestaltet sich das Auffinden der korrekt platzierten Schraublöcher für den Backskistendeckel äußerst schwierig. Aber das werden wir schon schrittweise hinbekommen, wenn es soweit ist. Für die Montage der Heckklampe ist es eh besser, wenn sie nicht im Weg ist.

 

Mo – So, 16.–22. Apr 2012 (Puerto Williams)

Die neue Woche startet mit keinen guten Neuigkeiten. Denis telefoniert überall in Chile und Argentinien herum, aber Isoliermatten zu bekommen, scheint ein echtes Problem zu sein. Schließlich sollte die Isoliermatte kein Wasser aufsaugen und entweder schwer entflammbar oder zumindest durch eine Alufolie auf einer Seite geschützt sein. Anfragen laufen in Punta Arenas, Santiago und Ushuaia samt weiteres Umfeld, bleiben aber ohne positives Ergebnis. Auch die erhoffte Holzlieferung bleibt aus. Am späten Abend gehe ich deshalb zum Haus von Herrn Munoz, dem Lieferanten, aber er ist nicht da. Ich besuche Miguel’s Hostal Yagan gegenüber und lade noch unser chilenisches Handy auf. Weil man bei guten Freunden nicht einfach schnell wieder verschwindet, bleibe ich noch ein Weilchen und bald darauf hält ein Laster voll Holz vor der Tür. Knapp 300 Tacos hat er geladen und fragt, ob wir die alle nehmen würden? Miguel übersetzt, damit wir das auch richtig verstehen. Aber ja doch! In 10 Minuten ist er bei uns und lädt seine Fracht in den Vorgarten.

Dementsprechend ist die nächsten zwei Tage Holzhacken angesagt, um die Tacos in handliche, ofengerechte Stücke zu kriegen. Ein paar Baumstammscheiben weigern sich hartnäckig, gespalten zu werden und werden erstmal zur Seite gelegt. Etwa 40-50 Tacos sind am Mittwoch Abend noch übrig, aber alle Muskeln wehren sich, weiter zu machen. Derweil haben es unsere Ersatzteile nicht auf die Fähre geschafft, die vermaledeite Zollangelegenheit ist noch nicht vom Tisch. Hoffentlich klappt es nächste Woche! Die anderen Segler fangen schon an zu spotten, wenn sie uns nach dem Fortschritt an „Bomika“ und der Lieferung fragen.

Am Donnerstag ist es mit dem trockenen Wetter vorbei, Wind, Regen und Schnee haben das Sagen und toben um die Häuserecken. Das Deck von Micalvi ist schmierig-rutschig von angefrorenem Schneematsch. Es ist kalt und der Bullerofen in der Küche kommt kaum gegen die Kälte an. Vor dem Ofen ist es heiß, aber bereits in der gegenüber liegenden Ecke der Küche ist es weiterhin frisch, von den anderen Räumen ganz zu schweigen. Matratzen und Bettdecke sind kalt und klamm und die Klobrille genauso wohl temperiert wie auf einem Außenabort im Winter. Auch die Dieselheizung an Bord braucht Stunden, um das Schiff innen einigermaßen warm zu kriegen. Das wirft einige Fragen auf, denn wenn wir im Winter unterwegs sind, müsste die Heizung täglich etliche Stunden laufen – das kostet Diesel und Strom. Doch bei den kurzen Tagen ist Sonnenenergie Mangelware, ausreichend Strom vom Windgenerator in geschützten Buchten zweifelhaft. D.h. wir werden wieder einen Stromgenerator brauchen, oder alternativ einen Holzofen für unsere Bomika. Das verschafft uns weitere Beschäftigung: wo könnten wir so einen Holzofen installieren, wie müsste der Kamin verlaufen, welchen Hitze- und Brandschutz müssten wir installieren, was ist erhältlich, was machbar, was sinnvoll? Was würde das Kosten? All diese Dinge werden uns eine Woche lang beschäftigen, bevor wir einsehen müssen, dass eine Installation auf „Bomika“ eben doch nicht geht.

Am Freitag Schnee, Schnee, und noch mal Schnee – es schneit ununterbrochen. Kein Wetter, um die restlichen Tacos klein zu kriegen, die leider immer mehr durchnässt werden. Auf Bomika wird gemessen und überlegt: wo könnte man einen Ofen installieren, wie den Kamin verlegen? Aus dem immer wieder wackligen Internet werden Infos eingeholt. Samstags hat es sich ausgeschneit, dafür fallen sintflutartige Regenfälle gespickt mit heftigen Sturmböen über uns her. Trotz täglicher Dusche juckt unsere Haut, die ihre Streicheleinheiten von Sonne und luftiger Brise vermisst und das ununterbrochene Tragen mehrerer Bekleidungsschichten nicht gewohnt ist.

Sonntagabends sind wir von Alejandro ins Hostal Akainij zum Abendessen eingeladen. In der Dunkelheit – es gibt ja nicht überall in Puerto Williams Strassenlampen – finden wir trotzdem den richtigen Weg an den oberen Rand der Ortschaft. Das Hostal ist recht nett und schön eingerichtet, die Besitzer Gabi und Jorge begrüßen uns herzlich. Außer exzellentem Essen gibt es dort eine graue Schmusekatze und einen 4-Jahre alten Biber namens Bebe, der im zarten Alter von 6 Monaten aufgenommen wurde und sich gut in die Familie eingegliedert hat. Gabi trägt extra den schläfrigen Bebe samt Decke in den Wohnbereich, damit wir ihn auch zu Gesicht bekommen. photo0004photo0010Anstatt Mobiliar knabbert er an trockenem Brot und Karotten und grummelt dabei vor sich hin. Wir können ihn streicheln und füttern, während Bebe seinen breiten Schwanz nach vorne klappt und als Tisch benutzt, den Körper darüber aufgerichtet. So gehen auch die Semmelbrösel, die beim Knabbern des trockenen Brots anfallen, nicht verloren. Zu schade, dass wir keine Kamera dabei haben, nur ein primitives Handy, dessen Bilder aber sehr unscharf werden bei der Zimmerbeleuchtung und der niedrigen Pixelrate.

e_P4122634Lisa nutzt die Tage, um unsere Patchworkdecke fertig zustellen, die mit 2 mal 2,20m doch recht groß ist. Erst werden die einzelnen Stoffflecken auf ein passendes Maß von 15×15cm zugeschnitten, ringsum eingefasst und dann auf dem Boden ausgebreitet, um ein harmonisches Muster zu bekommen. Danach kann es losgehen mit dem abstecken und nähen. Auch das nimmt viel Zeit in Anspruch, aber es erfordert Kreativität und macht ihr viel Spaß.

Mo – Mo, 23.–30. Apr 2012 (Puerto Williams)

Am Montag endlich die erlösende Nachricht: unsere Ersatzteillieferung ist vom Zoll freigegeben und kann mit der nächsten Fähre nach Puerto Williams kommen! Der Himmel stimmt aber nicht gerade in die Euphorie mit ein und weint, weiterhin Regen, der Boden auf den vielen Schotterstrassen wird gut aufgeweicht. „Berserk“ läuft am Abend wieder ein, die Crew wird allerdings nicht lange bleiben und das Schiff über Winter in Puerto Williams lassen.

Frost und Reif überdecken am nächsten Morgen alles mit einer weißen, schmierigen Fläche, die Decks von Micalvi und den Segelyachten sind glatt wie Schmierseife. Vor allem auch das Übersteigen von Micalvi auf das nächste Schiff wird bei Niedrigwasser und einem Höhenunterschied von 1-1 1/2m richtig gefährlich, auch ohne dass man sich dabei die Beingelenke aus der Hüfte kugelt. Trotzdem schaffen wir es immer wieder, ohne auszurutschen oder gar im eiskalten Wasser zu landen überzusteigen.

Mittwoch und Donnerstag beschert uns Sonnenschein und klare Sicht, aber trotzdem ist es eisig kalt und der Boden gefroren, der erst gegen Mittag zumindest dort, wo die Sonne hinkommt, aufweicht und zu braunem Matsch wird. Abends und nachts ist es schwierig, auf dem unbeleuchteten Teil der Schotterstrasse nach Micalvi zwischen Matsch, Pfützen, Schlaglöchern, Rinnsalen und festem Boden zu unterscheiden. Wir nutzen die klaren Tage für ein paar Fotos der Landschaft, es ist wirklich eine schöne Ecke hier!

Immerhin, die Patchworkdecke von Lisa ist soweit fertig, bleibt nur zu Überlegen, ob noch eine Wolldecke eingenäht werden soll. Auch die Brücke von Micalvi ist fertig renoviert, die Steuereinheit überholt, Wände neu getäfelt, neues Mobiliar und Lampen, Decke und Boden aufgepeppt. Man fühlt sich an die alten Zeiten der „Micalvi“ erinnert, als sie noch im Rhein oder später in Chile in den Kanälen Patagoniens unterwegs war. Als nächstes sind die Strom- und Wasseranschlüsse für die Segler und die Duschen dran für ein Facelifting samt Erweiterung und Erneuerung.

Der Freitag präsentiert sich wieder im üblichen grau in grau, dafür ein paar Grad wärmer, solange kein Wind weht. Unsere Ersatzteile sind endlich angekommen und werden von Denis ans Haus geliefert. Gleich darauf geht es los: Lichtmaschine auswechseln, Anlasser auswechseln. Obwohl explizit erbeten, gesagt und wiederholt, sind natürlich nicht alle Schrauben dabei. Nachdem hier gute Schrauben Mangelware und oft auch schwer über Punta Arenas zu bekommen sind, wollte ich für alle neuen Teile auch alle dazugehörigen Schrauben, Bolzen, Beilagscheiben. Man weiß ja nie, welche nach einem 5-tägigen Seewasserbad nicht so verrostet sind, dass sie zersägt werden müssen, oder beim aufschrauben über Bord hüpfen oder unauffindbar in einer tiefen Bilge verschwinden – auch wenn letzteres zumindest bei unserer Bavaria nicht passieren kann. Danach springt unser Maschinchen auch sofort an und schnurrt wie ein Kätzchen, nur nach einer Weile fängt die Wasserpumpe zum Quietschen an. Kein Seewasseraustritt aus dem Auspuff! Das Seewasserventil ist offen, der Filter vorsichtshalber mit Wasser gefüllt. Also wird die Wasserpumpe demontiert, aber der Impeller ist okay. Hilft leider alles nichts, trotz reinigen von Schmutz und Rost. Also noch mal das ganze und den Impeller komplett wechseln, brav mit Gleitcreme auf Glyzerinbasis einschmieren, hilft aber immer noch nix! Ob evtl. der Wassereinlauf zugesetzt oder durch Kelp abgedichtet ist? Eventuell löst sich das ja durch die Gezeiten?

Die Heckklampe bietet eine weitere Enttäuschung: die Ersatzbolzen sind nur 10mm statt 12mm, dementsprechend der Bolzenkopf nur M17 statt M19 und dreht in der Fixierung durch. Die Gegenplatte hat dafür einen Lochabstand von nur 95mm anstatt 100mm. Also muss doch die alte, verbogene herhalten und die Schraubbolzen, die ich mir in Punta Arenas extra hab machen lassen, um damit ggf. das Ruderblatt an der Achse zusammenschrauben zu können, um ein weiteres Aufbrechen zu verhindern. Zum Montieren ist es heute eh schon zu spät und zu dunkel.

Der Samstag vergeht mit weiteren Versuchen und Tests mit der Wasserpumpe. Sie dreht sich, fördert aber nicht. Trotz Wasserauffüllen im Filter ist entweder zuviel Luft in den Leitungen, obwohl das in der Vergangenheit auch nie ein Problem war, z.B. nach dem Kranen, oder der Einlass im Saildrive ist wirklich komplett zugestopft. Während etlicher Überlegungen zur möglichen Beseitigung dieses Missstandes wird die Heckklampe eingepasst und dann mit viel Silikon anmontiert. Natürlich habe ich vergessen, mir vorher die Hände gut einzucremen oder Schutzhandschuhe überzustreifen, das Ergebnis (schwarze Finger und Hände) wird mich wohl ein paar Tage daran erinnern.

Obwohl wir beim Aufstehen immer das Gefühl haben, es ist gerade 0800 oder 0900 Uhr, wird es immer später und tatsächlich zeigt die Ticke-Tacke an der Wand unsere Schand’: was, schon 1100 Uhr? Mit Einheizen, Kaffee kochen, Frühstücken ist dann schnell Mittag. Nur gut, dass letzte Nacht in Chile die Uhren zurückgestellt wurden auf Winterzeit, so sind wir ja doch schon eine Stunde eher auf als gedacht. So bleibt noch genug Zeit, an Bord das Relingsnetz abzuknoten, die Relingsdrähte zu entfernen, Schrauben zu lösen und zu versuchen, die verbogenen Stützen aus den Halterungen zu ziehen. Doch selbst mit Hilfe der Großschot und der Winsch wird das nix, es sitzt hoffnungslos fest. Zur Frustminimierung wird weiterhin diverses Werkzeug entrostet, bis es anfängt dunkel zu werden.

In der Nacht stürmt und regnet es heftig, der Schlaf meidet uns dafür. Das hat den Vorteil, dass wir alle paar Stunden Holz in den Ofen nachlegen können und die Bude warm bleibt, andererseits wird unser Vorhaben, früh aufzustehen, trotz Wecker vereitelt. Immerhin scheint mein dürftiges Spanisch doch nicht ganz so schlecht zu sein, denn der Holzhändler versteht genau, was ich will: zwei Rundhölzer mit jeweils 5m Länge (um diese senkrecht an die Pier zu stellen, damit sich Bomika daran anlehnen kann, ohne mit dem Deck unter die Pier zu rutschen, da die Pfeiler etwa 70cm zurückgesetzt sind) und weitere kurze Rundhölzer (zum unterlegen unter den Kiel und zum Ausgleichen des abfallenden Untergrunds), samt Anlieferung zum Pier am Freitag oder Samstag. Danach besuche ich noch den Comandante der Navy, um meinen Bericht zur Situation und des Reparaturplanes abzugeben und ein paar Details zu besprechen. Jorge ist wirklich nett, hilfsbereit und verständnisvoll! Danach geht es weiter zur Bomika, das gestern nochmals entrostete Werkzeug wird gesäubert und geputzt. Die alten Relingstützen weigern sich nach wie vor, aus den Halterungen zu kommen. Da hilft nur. Dem mit entsprechender Hartnäckigkeit zu begegnen und es jeden Tag von neuem zu versuchen.

Mo – Sa, 26.–31. Mrz 2012 (Puerto Williams)

Die nächsten Tage bringen wenig Änderung, aber die Bronchitis und Erkältung ziehen sich langsam zurück: Das ist doch schon mal ein guter Lichtblick, nachdem wir uns fast 5 Wochen damit herumgeschlagen haben.

e_P3262665Am Dienstag dürfen wir erst eine Weile auf Sebastian, den Jüngsten von Miguel und Belen, aufpassen. Aber er ist recht pflegeleicht und beschäftigt sich meistens selbst. Später kommt Luis in unserer Casa vorbei und schenkt uns einen frischen Fisch, viel zu groß für uns Beide! Da essen wir ja tagelang dran. Wolf von der „Santa Maria Australis“ hilft uns am Abend beim Verputzen desselben, es schmeckt hervorragend! Trotzdem bleibt noch eine komplette Mahlzeit für den nächsten Tag übrig. Hafenmanöver sind mal wieder angesagt, die uns zwar nicht betreffen, aber wir helfen trotzdem gerne, zusätzliche Hände sind immer gefragt, vor allem, wenn auch noch mehrere Schiffe wie in einem Reigen bewegt werden müssen.

Bei einem der vielen Gänge zwischen Yachtclub und Häuschen begegnen wir Pepe und Andrea, die sich freuen, dass unser Husterei soweit nachgelassen hat und uns für Freitag abends zu sich nach Hause einladen, um das verschobene gemeinsame Abendessen nachzuholen. Doch als wir, bewaffnet mit Wein und unserer Reise-DVD aufkreuzen, ist Pepe noch in einer dienstlichen Besprechung. Andrea führt uns durch das Haus, die noch etwas scheuen Kinder werden uns vorgestellt – und wir ihnen, dann kommt auch Pepe vorbei. Allerdings kann er nicht lange bleiben, die Pflicht ruft: Diesmal zu einem Einsatz am Kap Horn, denn die havarierte „Telefonica“, spanischer Teilnehmer am Volvo Ocean Race, hat Probleme. Offensichtlich haben sich Teile der Kunststoff- bzw. Kevlarverklebungen am Bug gelöst und lassen sie Wasser schaufeln. Ein paar Tage später findet sich nicht nur Pepe mit Alakalufe, sondern auch die Crew der „Telefonica“ in Puerto Williams ein, bevor sie ihre Reise fortsetzen.

 

So – So, 01.–08. Apr 2012 (Puerto Williams)

Am Sonntagvormittag laufen die Chinesen mit ihrer Yacht „Xiamen“ aus, aber nicht bevor wir uns herzlich verabschiedet und ein letztes Foto geschossen haben. Neben Emailadresse haben wir auch unsere Wimpel ausgetauscht: unsere Bayernfahne gegen den Wimpel ihres Yachtclubs, mit Namen natürlich. Das soll uns auch zur Erinnerung gemahnen, dass wir sie in China besuchen, sobald wir in dieser Ecke der Welt unterwegs sind. Gelernt haben wir nur zwei Worte, die einfach einzuprägen waren: „Hallo“, das auf Chinesisch [Nie-hau] fast wie „Miau“ klingt und „Tschüss“, dessen Chinesisches Dependant [Zien-Zien] and das Spanische Wort für hundert erinnert. Aus den Schriftzeichen werden wir allerdings nach wie vor nicht schlau.

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Nachdem die Sonne zwischen den Wolken hervorlugt und die Temperatur gerade über 5º liegt, wird der Unterbau für die Heckklampe aus den größeren Bruchstücken der zerborstenen Teakleiste und jeder Menge angedicktem Polyester zusammen geharzt. Das erfordert mehrere Arbeitsgänge mit harzen, trocknen, schleifen, noch mal harzen usw. Natürlich regnet es zwischendurch dann doch, aber später hilft dafür die Sonne, die klebrige Masse zu trocknen. Teilweise härtet es nicht aus, da die Dosen Harz aus Ushuaia überaltert sind und muss daher am nächsten Tag neu gemacht werden.

Am späten Abend steht uns noch eine besondere Überraschung ins Haus: Als wir nach unserer letzten Runde Wasserabpumpen in den Micalvi Club gehen, verweist und Denis an zwei „Mädels“ aus München, Mariana und Francisca. Es stellt sich schnell heraus, dass die Beiden, Mutter und Tochter, in Deutschland lebende Chilenen und gute Freunde von unseren Chilenischen Freunden in München sind. Sie waren auf Urlaub in Santiago mit einem Abstecher nach Patagonien und haben die Gelegenheit benutzt, uns zu besuchen.

Francisca ist Redakteurin beim Radio Deutschland und nutzt am Montag bei einem gemeinsamen Frühstück in unserem Häuschen die Gelegenheit für ein Interview. Leider müssen die Beiden noch am selben Tag abfliegen, ihr Urlaub geht zu Ende. Für uns wird es auch Zeit, die Verlängerung der Zollpapiere für Bomika zu organisieren. Bei unserer Einreise nach Chile galt die Zollfreistellung für Yachten nur 90 Tage und muss entsprechend oft verlängert werden, bis die maximal 2 Jahre erreicht sind, Inzwischen ist die Regelung erneuert und gilt jeweils für ein Jahr, doch eben nicht rückwirkend. Wir nutzen die Gelegenheit und fragen in der Sozialstelle an wegen einer Verlängerung des Visa für Lisa. Denn nach 90 Tagen muss man eigentlich kurz ausreisen, aber der rege Seglerverkehr zwischen Pto. Williams und Ushuaia hat sich in der fortgeschrittenen Saison bereits stark reduziert und Lisa möchte nicht ein paar Tage in Ushuaia rumhängen, die noch verkehrende Fähre zwischen diesen beiden Häfen ist aber mit 150USD für die einfache Fahrt recht teuer. Immerhin lässt sich ihr Visa bis auf 180 Tage verlängern, gegen eine Gebühr von rund 100USD.

Den Rest des Tages verbringe ich an Bord mit schleifen und harzen, wobei vor allem das Entfernen des „alten“ Harzes, das nicht durchhärten will, eine ganz schön klebrige und mühsame Angelegenheit ist.

Mangels kostengünstigerer Alternative zahlen wir am Dienstag die Gebühren und haben kurze Zeit später die Visa Verlängerung für Lisa in der Tasche. Der Rest des Tages ist für schleifen und harzen am Heck reserviert, solange das Wetter mitspielt.

Bereits am nächsten Tag wird uns Regen beschert, es ist bitterkalt. Keine Bedingungen für schleifen und harzen. So lassen wir uns gerne zu einem Kaffee auf der „Endurance of Antarctica“ einladen und Lisa repariert den kaputten und abgerissenen Verschluss von Robertos Halskettchen.

Per Email erreicht uns der ungerechtfertigte Vorwurf, dass es uns ja viel zu gut geht und wir deshalb mit Leichtigkeit einen Behördentermin in Deutschland hätten wahrnehmen können. Waren unsere Schilderungen im Blog zu geschönt, zu wenig dramatisch, mit zuviel Betonung darauf, dass es uns gut geht, wir noch am Leben sind? Nichtsegler und Menschen, die Patagonien nur aus Bildbänden mit herrlichen Fotos kennen, können unsere Situation ja sicher nicht leicht nachvollziehen. Schließlich gibt es ja kaum Aufnahmen bei schlechtem Wetter, auch wenn das viel häufiger ist. Um Ärger mit den Deutschen Behörden und Gerichten zu vermeiden, wird eine Gegendarstellung notwendig. Die entsprechende Schilderung unserer Umstände und des Sachstands nimmt etliche Stunden in Anspruch, Das Versenden dauert dann wegen schlechter Verbindung noch mal 5 Stunden. Hoffentlich sind die Deutschen Behörden nun auch zufrieden.

Wie um die trübe Stimmung auszugleichen, treffen wir am selben Abend einen Chilenischer Schiedsrichter, der 2005 auch in Deutschland gepfiffen hat und in Nürnberg Michael Ballack nach dem Spiel die Hand schütteln konnte. Er erzählt uns eine ganze Reihe seiner schönen Erlebnisse während seiner Tournee.

Der Donnerstag bringt wieder Regen, Schnee und eisigen Wind. Der Winter rückt merklich immer näher und verdrängt den Herbst. Unsere Miezen lieben daher den Ofen, das zweistöckige Stelltischchen dient nicht nur dem Ausguck aus dem Fenster, sondern auch als Ofenbankerl. Von der Hitze des Ofens gut angestrahlt, ein idealer Schlafplatz, sofern sie nicht zu uns unter die Decke kriechen. Abends findet in Micalvi ein Bankett für den Schiedsrichter und Fußballtrainer statt, aber ohne uns. Wir klinken uns aus zu Gunsten eines ruhigen Abends und etwas Erholung.

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e_P4092627Der nächste Tag bringt uns eine besondere Überraschung. Wir staunen nicht schlecht, als uns auf dem Deck der Micalvi plötzlich ein Maori-Häuptling gegenüber steht! Gesicht und Hals sind vom stammesüblichen Tattoo bedeckt, der Rest von Norwegischen Seehundstiefeln und dicken Klamotten. „Menschen und Freundschaft“ sind für ihn das Wichtigste im Leben. Die übrige Crew der „Berserk“, die sich auch „die verrückten Wikinger“ nennen, besteht aus Norwegern, Russen und Argentinier. Ein wahrlich illustrer Haufen der für Stimmung und Abwechslung sorgt.e_P4092624

 

von links:

Samuel, Buzz (Papa-Papa), Sergeij, Charly (Skipper), Thomas

 

Lisa wartet die meiste Zeit in unserem Häuschen auf die immer wieder versprochene Holzlieferung, die auch heute ausbleibt und vertreibt sich die Wartezeit mit dem Nähen einer Patchworkdecke. Auch die Müllabfuhr bleibt aus. – na klar, es ist ja Karfreitag! Das haben wir fast übersehen, nachdem die Tage inklusive Wochenende so gleichend ineinander greifen und sich aneinander reihen.

Sonntags läuft mal wieder die „Pelagic Australis“ ein, diesmal mit drei Südafrikanern aus Cape Town an Bord. Jeremy lässt uns wissen, dass in 3 Wochen sein Sohnemann Stuart mit Freund Matt hier eintreffen wird und bittet uns, ihn in Empfang und ein bisschen unter die Fittiche zu nehmen. Ansonsten hat uns die tägliche Bordroutine mit etlichen Kleinarbeiten und Wasserpumpen fest im Griff.

vorher – nachher: der Unterbau für die Heckklampe

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Mo – So, 12.–18.Mrz 2012 (Puerto Williams)

Die Erkältung hält uns nach wie vor fest umklammert und wir probieren alle möglichen Grippemittel aus, von Paracethamol über die hier angebotenen Päckchen Tapsin bis hin zu Hausmitteln, wie etwa Zwiebeln in einer Honig-Limonen-Mischung. In einem Anfall depressiver Melancholie – oder war es vielleicht nur Langeweile? – verpasse ich mir nicht nur eine Rasur, sondern auch einen Haarschnitt mit dem Bartschneider. Wie auch beim letzten Mal ging das ziemlich in die Hose, Belen und Miguel bekommen einen Lachanfall als sie mich sehen und greifen prompt zu Hilfsmassnahmen. Ein elektrischer Haarschneider wird eingepackt, wir fahren in den Micalvi Yachtclub und dort versucht Miguel zu retten, was zu retten ist. Das Ergebnis ist ein Militärschnitt ersten Ranges, noch etwas kürzer würde einen Kahlschlag bedeuten. Immerhin fühlt es sich weich an und Belen streicht gerne über mein Haupt, die Haarwäsche vereinfacht sich auch und wachsen tun sie von selber.

Neben dem Versorgen unserer Pumpstation im Schiff werden die Kühlschläuche und damit auch das Kühlwasser ausgewechselt. Seit dem geplatzten Schlauch war dieser etwas zu kurz geworden und außerdem das innere Kühlsystem nur mit Wasser aufgefüllt worden. Ein Frostschutz sollte bei den hiesigen Temperaturen aber nicht fehlen.

Miguel bietet uns an, sein Häuschen gegenüber der Feuerwehrstation, das er neben dem Hostal besitzt, zu benutzen. Sein Hostal ist zwar das günstigste am Ort, aber trotzdem läppert sich der Betrag über die Wochen ganz schön zusammen und würde in München selbst für die Miete einer großen Wohnung oder ein Häuschen reichen, wenn man von Mietkaution und Längerfristigkeit absieht. Das Angebot nehmen wir daher gerne an! Es ist eines der hier üblichen, einfachen Holzhäuschen, die aus Balken und dünnen Spanplatten zusammengezimmert auf kurzen Beinen über dem Boden stehen, meist schlecht oder gar nicht isoliert. Aber dafür gibt es einen Bullerjan in der zentralen Küche sowie einen fahrbaren Gasheizer. Der daneben noch vorhandene elektrische Heizlüfter kommt gegen Zugluft und die vom Boden aufsteigende Kälte kaum an und erscheint eher wirkungslos. Nach der ersten Besichtigung macht sich Lisa gleich an die Reinigung und das Aufräumen unseres neuen Heimes und am Freitag Vormittag können wir bereits einziehen.

Kleinere Reparatur- und Schönheitsarbeiten wie die losen Türklinken am Eingang, fehlende Bolzen in den Fensterscharnieren oder Vorhänge sind recht schnell erledigt nachdem passende schrauben gefunden sind. Das Zusammentragen eines Teils unseres Hausstandes – Töpfe, Besteck, Teller, Gläser, Schüsseln und Lebensmittelvorräte – dauert etwas länger, da es auf verschiedene Lagerplätze verteilt ist und häppchenweise im Rucksack von Micalvi in die Stadt transportiert werden muss.

Zum Einstand und als Dankeschön darf natürlich eine „house-warming-party“ nicht fehlen, bei der wir Miguel samt Familie und Hostalgästen mit Fleischpflanzerl und Kartoffelsalat auf Bayerische Art verwöhnen wollen. Wir kaufen schon mal das Fleisch ein, bestehend aus Schweine- und Rinderfilet, das natürlich nur im Ganzen Stück und aus der Kühltruhe des Supermarktes erhältlich ist, und lassen es bis zum Samstag auftauen. Stellt sich nur die Frage, wo wir einen Fleischwolf oder wenigstens einen Mixer herbekommen? Ersterer ist in ganz Pto. Williams nicht aufzutreiben, aber Miguel besorgt uns leihweise einen Mixer. Das Teil ist praktisch nagelneu, geht aber schnell kaputt, die Plastikhalterungen des Deckels brechen einfach ab und damit funktioniert das Ding auch nicht mehr. Lisa ist frustriert und ich erkundige mich bei Simon nach einer Ersatzlösung, Simon telefoniert ein bisschen und Ronny hilft mit seinem Mixer aus, den er gleich vorbei bringt bevor Lisa einen Koller kriegt. Während ich in Micalvi die Pumpen von „Bomika“ bediene, kocht und brutzelt Lisa fleißig bis spät in die Nacht. Allerdings macht uns Miguel noch in derselben Nacht einen Strich durch die Rechnung und eröffnet, dass wir für morgen zu einem Grillfest eingeladen sind. Na gut, denken wir, dann legen wir das eben einfach zusammen und verlegen die Party an den Grillplatz, wo auch immer der sein wird. Erst später merken wir, dass Miguel nur gedacht hat, das Häuschen wird zu klein für die vielen Leute und außerdem sollten wir nicht soviel ausgeben. Deshalb hat er kurzer hand ein halbes Lamm, eine Menge Schweinegrillfleisch und Bratwürste geordert und als Platz ein altes Sammellager der Navy im Hinterland gewählt, das über einen riesigen Grill verfügt.

Am Samstag sind auch unsere Bootsnachbarn, eine französische Crew, eingetroffen und wollen sich gerne nach außen verlegen, da sie je nach Wetterlage in den nächsten 2-3 Tagen auslaufen wollen. Wir vereinbaren für das Manöver den Sonntag morgen, Dennis wird auch da sein um mit den leinen zu helfen.

Eigentlich soll es am Sonntag gegen 10:00 Uhr zum Grillplatz losgehen, um den Grill bis Mittag richtig anzuheizen. Aber es wird dann doch viel später, denn in Micalvi wurde es in der Bar recht spät bzw. früh am Morgen bis die letzten Gäste gegangen waren. Mittlerweile war ich bereits in Micalvi, doch wegen des Niedrigwasserstands wurde das Manöver auf den Nachmittag verschoben. Dennis meint noch, das BBQ geht vor, falls es laenger dauert, denn die Franzosen haben am Montagvormittag erstmal einen Termin zum Tanken an der Navy Pier, also keine Eile. Aber gegen 13:00 Uhr, als wir gerade zum Grillplatz aufbrechen wollen, ruft Alejandro an und teilt uns mit, dass die Franzosen gerade „Bomika“ verlegen. Warum und wozu auf einmal diese Hektik wegen des Auslaufens bzw. umlegen des Schiffes, weiß kein Mensch. Ich eile nach Micalvi und komme gerade rechtzeitig, die Franzosen haben Bomika bereits weiter nach vorne gezogen, die Vorleine an der Brücke belegt und eine weitere zwischen den Relingstützen und Wanten bzw. Stagen der kleinen norwegischen Yacht von John hindurch zum nächsten Boot geführt. Es fällt mir schwer, ob der schlechten Seemannschaft und Kommunikation der Franzosen-Crew ruhig und gelassen zu bleiben. Fragen nach dem wie und was diese Crew eigentlich vorhat bleiben unbeantwortet, aber immerhin wird die Leine nun um das Norwegerschiffchen herumgeführt. Die leine zur Brücke belege ich noch schnell anders herum, so dass ich die leine vom Boot aus bedienen kann. Dann das selbe mit der Heckleine, damit ich mich auch wieder auf den Liegeplatz im zweiten Päckchen zurückziehen kann, denn so weit vorne wird es bei Ebbe eng mit dem Tiefgang, „Bomika“ wurde wahrscheinlich nicht nur aufsitzen, sondern bei dem steil abfallenden Grund umkippen und den Norweger mit sich reißen und beschädigen. Die Franzosen haben unser Schiff schnell verlassen und sind mit sich selbst beschäftigt, bis sie sich endlich mit ihrer Aluyacht aus dem Liegeplatz bugsieren und an der Außenseite von Micalvi wieder festmachen. Natürlich fehlt mir beim Verholen von „Bomika“ eine zusätzliche Hand, die die Schlaufe meiner Achterleine von der Vorschiffklampe auf die Achterklampe des Nachbarbootes verlegt. Alejandro steht auf dem Deck von Micalvi bereit und schickt mir gleich die ganze chinesische Crew vorbei, die erst vor kurzem nach einer Nonstopreise von Neuseeland über Kap Hoorn in Pto. Williams eingelaufen ist. Kurz darauf ist das Ganze überstanden, Bomika ist wieder sicher vertäut und bei mir macht sich Erschöpfung breit, durch Grippe und Bronchitis war diese ungeplante Hektik einfach zuviel auf einmal.

Alejandro fährt mich zum BBQ ins Hinterland, Miguel ist gerade noch dabei, das Feuer für den großen vierteiligen Grill von 3m Breite anzuschüren. Die „Hütte“ bzw. der Partyraum ist groß, aber zugig und sehr kalt. Wenigstens kommt unsere Bayerische Küche gut an und alle langen gut zu, trotz der vielen verwendeten Gewürze. Schließlich wird in Chile mit selbigen eher sehr gespart und selbst so grundlegendes wie Pfeffer kaum verwendet. Natürlich zieht sich das BBQ nun in die Länge, da der Start sich so verschoben hatte. Zwischendurch fährt Alejandro mit mir nachmittags noch mal zu Micalvi, damit ich die Pumpen noch mal laufen lassen kann. 16:30 Uhr und es wäre nun perfekt gewesen zum Manövrieren, denn es ist Hochwasserstand. Warum es den Franzosen auf einmal und entgegen der Absprache so pressiert hat, bleibt unverständlich. Wir sehen sie noch zum Navy Pier fahren und unverrichteter Dinge zurückkehren. Ein Termin zum Tanken ist eben hier vorab zu vereinbaren und nicht auf Gutdünken möglich. Am Abend sind die Franzosen bereits ausgelaufen nach Ushuaia, obwohl das Wetter alles andere als ruhig war und die Überfahrt eher grob ausfallen dürfte. Wenn sie Pech haben, ist der Hafen von Ushuaia wegen Starkwind gesperrt. Aber sie haben es wohl wirklich eilig, was aber so gar nicht zu dieser Ecke der Welt passt. Hier wird von der Natur Geduld und Vorsicht gelehrt, und trotzdem kann noch genug passieren.

Mittlerweile versuchen wir noch das BBQ zu genießen, müssen aber noch vor Einbruch der Dunkelheit wegen Kopf- und Gliederschmerzen, unserer ewigen Husterei und Schnieferei, das Handtuch schmeißen. Der Tag hat uns geschafft und die Franzosenhektik uns den Rest gegeben.

Mo – So, 19.–25.Mrz 2012 (Puerto Williams)

Als wir am Montag nach Micalvi kommen, um die Pumpen zu bedienen, erfahren wir dass die Franzosen kurz vor Ushuaia in der Nacht gestrandet sind. Wegen Motorproblemen (ob nun der Diesel ausgegangen ist, können wir nicht feststellen) haben sie bei Cabo San Juan, nur 11sm vor Ushuaia, geankert, doch ist wohl bald die Ankerleine gerissen und das Schiff auf die Felsen getrieben. Die Crew wurde abgeborgen, das Schiff ist leckgeschlagen. In den Folgetagen konnte wohl ein Leck abgedichtet werden, doch ein weiteres Leck verhinderte die Abbergung des Schiffes. Weiteres konnten wir bisher nicht in Erfahrung bringen.

Unsere Erkältung lässt neben dem Bedienen der Pumpen kaum weitere Arbeiten am Schiff zu, wir sind zu geschwächt und die Lauferei zwischen Haus und Micalvi bietet bei dem starken Wind, oft von Regen begleitet, genug Anstrengung für unsere geschwächten Körper. Trotzdem lassen wir uns eine Unterhaltung mit Ronny’s Papa nicht entgehen, der wohl eine Möglichkeit zum Anlandholen von „Bomika“ anbieten kann. Zusammen mit Miguel als Übersetzer fahren wir zu seinem Grundstück in einer Bucht etwa 5-6sm westlich von Pto. Williams. Er zeigt uns die starke Winsch, die ohne weitere Übersetzung bis 35 Tonnen zieht, mit den vorhandenen riesigen Blöcken sogar bis 70 Tonnen. Er hätte seinen Platz gerne ausgebaut und die Betonrampe mit den eingelassenen Stahlröhren erweitert, wartet aber seit 8 Jahren auf die Genehmigung. 2 Fischerboote stehen an Land, dazwischen ein großer hölzerner Schlitten, der sich in der Breite variieren lässt. Diesen will er umbauen, um damit Bomika oder bei Bedarf auch andere Kielyachten an Land ziehen zu können. Die Schlittenkonstruktion macht einen soliden und kräftigen Eindruck, und was Senor Olivares von sich gibt, zeugt von Fachwissen und guten Überlegungen. Allerdings braucht er noch genauere Masse von Bomika, z.B. die Höhe des Kiels, Abstand und Höhe der Rumpfstützen und ähnliches. Sobald ich die habe, wollen wir uns wieder zusammen setzen.

Die Kausserei und die Erkältung werden nicht besser, ein Hospitalbesuch scheint doch das Beste. So lasse ich mich am Mittwoch vom Militärarzt untersuchen, der eine akute Bronchitis feststellt und mir Antibiotika, einen Inhalator und schleimlösende, entzündungshemmende Pillen verschreibt. Damit soll die Bronchitis in den nächsten 5 Tagen besser werden, schauen wir mal! Lisa hat sich geweigert, mitzugehen, denn bei ihr ist die Erkältung nicht so ausgeprägt.

Mit den Bestellungen von Epoxidharz, Füller oder Antifouling sieht es auch nicht so rosig aus. In Punta Arenas ist nichts vorrätig, und selbst in Santiago scheint es Probleme zu geben, diese Sachen zu bekommen. Da die Lieferung dann auch noch per LKW erfolgen muss, da Farben, Harze und Microfasern als Gefahrengut gelten und somit nicht per Luftfracht transportiert werden dürfen. Das dauert dann eben noch mal extra. Aber auch in Ushuaia oder Buenos Aires sieht es nicht besser aus. Wir können gespannt sein, wann wir was bekommen werden.

e_P3152638Entsprechend lassen wir die Arbeit am Schiff etwas langsam angehen und besuchen Bomika hauptsächlich um die Pumpen anzuschalten. Daneben werden die Polster weiter getrocknet, umgedreht, woanders platziert, die Heckklampe wird demontiert und die verbogenen Bolzen zersägt, die Beschädigungen an der Backskiste um die Klampen-Befestigung herum wird abgeschliffen und zum Harzen vorbereitet. Doch für letzteres benötigen wir zumindest zwei regenfreie Tage, die aber laut Wetterbericht in naher Zukunft nicht zu erwarten sind.

Am Samstag erleben wir ein Wiedersehen mit Jackie und Juliette von der „Cachoeira“, die wir in Piriapolis kennen gelernt haben. Die Beiden haben ihr Schiff noch in Buenos Aires und sind mit Seglerfreunden unterwegs, laufen aber am nächsten Tag schon wieder aus. In Piriapolis hatten sie ihr eigenes „Untergangserlebnis“, als ein See-Kühlwasserschlauch geplatzt ist und das Schiff durch den Wassereinbruch fast gesunken wäre, während sie mit dem Auto auf einem mehrtägigen Ausflug unterwegs waren. Andere Segler und Freunde in Piriapolis haben das Schiff kurzerhand mit einer starken Motorpumpe soweit ausgepumpt, dass es in den Kran bugsiert und an Land gestellt werden konnte. Als Jackie und Juliette benachrichtigt wurden, sind sie sofort zurück gefahren und fanden rund 20 Leute um ihr Boot, die schon fleißig mit ausräumen und reinigen beschäftigt waren. Natürlich hat die ganze Elektrik und Elektronik darunter gelitten, ebenso der Motor und alles andere. Inzwischen ist ihr Schiff wieder soweit hergerichtet, aber auf die Versicherungsentschädigung oder auch nur eine Antwort warten sie auch nach drei Monaten noch vergeblich. Wir hoffen, unsere Freunde evtl. nächstes Jahr in Pto. Montt oder Valdivia wiederzusehen, dann wieder mit ihrer „Cachoeira“. Unser Wiedersehen und auch den Abschied feiern wir zusammen in der Micalvi Bar, zwar mit nur wenigen Drinks, dafür aber bis 0200h morgens.

Den Sonntag lassen wir zum Ausklingen der Woche ruhig angehen, schlafen lange und husten uns durch. Zum Mittagessen gibt es Empenadas, gefüllt mit Centolla (Seespinne) und Käse oder mit Fleischfüllung.

Di – So, 14.-19.Feb 2012 (Puerto Williams)

Solange wir noch neben „Victoria“ am vorderen Teil von Micalvi liegen, sind wir fleißig am Ausräumen von „Bomika“. Karin, Jims Frau, übernimmt gleich die Spülung der ganzen Polster und Schaumstoffmatratzen mit Süßwasser auf dem Pier. Weitere ankommende Segler bitten wir in einem anderen Päckchen festzumachen, denn wir wollen die Rumpfbelastung wegen der geflickten Leckagen möglichst gering halten. Miguel, der Micalvi leitet und auch das Hostal führt, in dem wir untergekommen sind, stellt uns einen trockenen Abstellraum auf Micalvi zur Verfügung. Jim kümmert sich um eine Möglichkeit, die Kammer absperren zu können mittels Kette und Schloss. Den ganzen Tag sind wir unermüdlich am Entladen und weg stauen, bis wir am Spätnachmittag Bomika in den inneren Teil von Micalvi verlegen. Dort ist es einerseits viel geschützter und ruhiger, zum anderen haben wir bei Ebbe nur noch wenige Zentimeter unterm Kiel, so dass „Bomika“ im Fall des Falles nicht komplett sinken kann. Dort liegen wir als Viertes Schiff im Päckchen, die weiteren Ausräumarbeiten sind daher etwas erschwert und die nächsten Tage wird ein Hürdenlauf mit Hindernissen: bei jedem Gang auf die Pier oder zurück sind 7 Relinge zu übersteigen, zwischen Wanten und Leinenrollen hindurch um den Bug der Schiffe herum und das mit schwerem Gepäck. Der Ladestromregler im Motorraum wurde von mir als erstes ausgewechselt, der war endgültig hinüber und zu lange im Salzwasser ertränkt worden. Wenigstens hatte ich noch einen alten, wenn auch einfachen Regler an Bord. Seit dem ist auch der Kurzschluss im Batteriesystem weg, die Batterien werden wir von Solarpaneelen und Windgenerator geladen und können die Verbraucher wie Pumpen und Heizung speisen.

Am Mittwoch kommt die „Patriota“ an die Muelle (Mole) Arturo Pratt und geht längsseits an die zwei dort bereits liegenden Fischkutter. Nun kann ich meine restlichen Sachen dort von Bord holen, aber auch die ganze Bergungsausrüstung, die verbliebenen Baumstämme, Balken und Sperrholzplatten, die geliehenen Fender, Außenborder, Kompressor, Motorpumpe, Fässer, und, und, und werden von Ronnie, einem seiner Helfer und mir von der „Patriota“ über die beiden Kutter auf die Mole geschleppt, dann weiter die Stufen hinauf zur Strasse und auf den Laster von Ronnie. Um die Ausrüstung wieder an ihren Bestimmungsorten abzuladen, kommt Michael von der „Iron Lady“ noch mal mit. Am Ende sind nicht nur die Arme und Schultern von der Baumrinde zerkratzt, auch mein rechter Fuss ist etwas platt gedrückt, nachdem einer der Stämme sich darauf mit lautem Krachen niedergelassen hat. Mein Gejaule im ersten Moment des Schmerzes muss die anderen Beiden ganz schön lange in den Ohren nachgeklungen haben. Damit geht fast der ganze Tag drauf, und auf „Bomika“ wartet noch mehr an Arbeit. Die Tage werden lang, Mittagessen fällt oft aus und Abends sind wir ziemlich erschöpft und müde.

Auch die Versicherung verlangt nun unsere Aufmerksamkeit, Formulare sind auszufüllen, Berichte zu schreiben, Telefonate und Emails zu erledigen mit der Versicherung, dem Gutachter und Anfragen an Ersatzteillieferanten. Die ganzen Anfragen von Freunden und anderen Seglern per Email kommen dabei natürlich zu kurz. Nur wenige können wir zwischendurch kurz beantworten, obwohl Alle eine ausführlichere Antwort verdienen und viele ihre Hilfe anbieten, sei es bei der Ersatzteilbeschaffung oder anderweitig, egal ob sie gerade auf Heimaturlaub oder in der Südsee oder sonst wo unterwegs sind. Doch auch hier vor Ort ist die Hilfsbereitschaft grenzenlos, jeder meint es gut mit uns und es herrscht ein außergewöhnlicher Zusammenhalt.

Auf „Bomika“ füllen sich derweil immer mehr Abfallsäcke und werden mühsam von Bord gebracht, das Müllhäuschen wird übervoll und Gott sei Dank auch regelmäßig geleert. Viele Bücher sind durchweicht und unrettbar verloren, Antiquariate, Atlanten, Bildbände über Fauna und Flora in der Welt, Hafenhandbücher, Segelführer, Seekarten, Handbücher der verschiedenen Geräte und natürlich auch jede Menge Romane. So viele wie möglich versuchen wir zu retten und wieder trocken zu bekommen, aber bei nur wenigen klappt das. Es war schon problematisch, die (zum Verhindern des Herausfallens unterwegs) eng aneinander gereihten Bücher aus den Schapps zu bekommen, da die nassen Bücher aufgequollen sind und die Schotts oder angrenzenden Schrankwände zu sprengen drohten. Die ganze klitschnasse Wäsche muss eingesammelt und zum Waschen gebracht werden, bevor sie das Schimmeln anfängt. Auch alle Lebensmittel müssen weg, unsere Gewürze aus allen Ländern, die wir besucht haben, sind nass, Dosen angerostet, Nudeln, Reis, Zucker, Müsli zu festem Brei geworden. Es nimmt schier kein Ende und dauert 10 Tage, bis endlich etwas Land in Sicht kommt.

Nebenbei ist alle paar Stunden die Lenzpumpe anzuschalten, unsere kleine, bewegliche Pumpe, die immerhin bis 160L/Std. schafft, lassen wir nachts durchlaufen. Aber am Ende der Woche gibt sie ihren Geist auf und lässt die Sicherung fliegen. Wir suchen nach Möglichkeiten, „Bomika“ eventuell in Puerto Williams trocken zu legen und zu reparieren, doch Trockenfallen scheidet erstmal aus. Eine Verspannung nach allen Seiten über die Klampen und den Mast ist zwar möglich, aber der Grund fällt zu stark ab und lässt beim Trockenfallen ein Abrutschen des Kiels befürchten. Der Slip der Fischer ist ebenfalls nicht geeignet, es fehlt an der richtigen Abstützung beim Hochziehen und auch an Land, wo es keine Befestigungsmöglichkeiten zum Verspannen gibt, wenn es mal kräftig bläst.

Abends suchen wir den Kontakt mit anderen Seglern, um zu sehen wer wann nach Ushuaia segeln will und auch bereit wäre, uns in Schlepp zu nehmen. Obwohl es hier ein ständiges Gehen und Kommen der Yachten ist, wäre nur ein junges Franzosenpärchen, Jonny und Claire, bereit dazu, haben aber nur ein kleines Schiffchen mit schwacher Maschine und scheiden somit aus.

e_P2222590Wir lernen Alejandro kennen, einen pensionierten Fregattenkapitän, der sich im Auftrag eines Admirals um die Verbesserung und den geplanten Ausbau von Micalvi kümmert. Er nimmt uns unter seine Fittiche und versucht alle Möglichkeiten zu eruieren und umzusetzen. Miguel versucht ebenfalls zu helfen wo es nur geht und bringt unsere Bettwäsche, Decken und Zudecken zur Wäscherei der Navy, die für Privatpersonen gesperrt ist aber als einzige über große Waschmaschinen verfügt, in denen diese umfangreichen Wäschestücke Platz finden. Alles andere geben wir an Dennis weiter, der fleißig Maschine um Maschine wäscht und trocknet, Flecken behandelt und alles, was wir nicht dringend brauchen, auf seinem Speicher verwahrt.

Am Sonntag kommt Ronnie vorbei mit seinem Neopren Anzug und Taucherbrille, um „Bomika“ noch mal von außen mit Unterwasser Epoxy weiter abzudichten. Bei der Gelegenheit löst er auch die dicken Tampen um den Kiel, an dem noch eines seiner Fässer und ein dicker Fender angebunden waren. Das Wasser sickert jetzt etwas langsamer ins Innere, sucht sich aber auch immer neue Wege durch die ganze Spachtelmasse. Manfred aus Weilheim, Skipper der „Santa Maria“, hilft uns, den Motor in Gang zu kriegen. Das klappt auch soweit und wir lassen ihn ein paar Stunden laufen, doch muss dafür neben der Starterbatterie die gesamte Batteriebank an Verbraucherbatterien parallel geschaltet und der Magnetschalter des Anlassers überbrückt werden. Da hilft auch kein Reinigen und Einfetten der Anschlüsse. Der Wassermacher ist wohl auch hinüber und macht keinen Mucks mehr, die Pumpeneinheiten waren den Tauchgängen im Salzwasser der Flut nicht gewachsen. Die Bodenbretter sind aufgequollen und passen nicht mehr, ebenso einige Schubladen und Schranktüren. Alles ist feucht und klamm, auch das Abwischen mit Süßwasser hilft nur begrenzt.

Das schlechte Wetter mit viel Regen, Schnee und Hagel sowie eisiger Kälte ist dabei auch nicht gerade förderlich, doch die freundliche Art und Unterstützung von Seglern und Einheimischen lässt keine Depressionen aufkommen. Die Tage werden immer kürzer – vor nur einigen Wochen wurde es bereits um 0400h hell und erst um 2300h dunkel, nun hat sich das schnell verschoben und die Nächte dauern 4-5 Stunden länger. Unsere Arbeitstage werden deshalb aber nicht kürzer und oft wird es nach Mitternacht, bis wir ins Bett fallen.

Mo – So, 20.-26.Feb 2012 (Puerto Williams)

Was für ein Wochenanfang: Alles ist weiß gezuckert und weiterhin Schnee, Schnee, und noch mal Schnee. Wahrscheinlich wartet der Weihnachtsmann schon um die Ecke auf seinen Auftritt. Alejandro setzt alles in Bewegung, um die Hilfe der Navy zu bekommen und das Leck dicht zu kriegen. Zement mit Silikon soll das Zauberwort sein.

Tatsächlich kommt er später mit einem Leutnant und einem Maat im Schlepp wieder vorbei, die sich die Leckagen ansehen und wieder verschwinden, allerdings nur, um mit Zement und Flüssigsilikon zurückzukehren. Das Zeug wird wahnsinnig schnell hart, es wird angerührt, geklatscht und verrieben. Wird das Wasserrinnsal weniger? Ein bisschen vielleicht, aber ganz zu stoppen ist der Wassereinbruch nicht. Also wandere ich nachts immer noch mal runter zum Schiff um nachzusehen und die Pumpen noch mal laufen zu lassen. Die kleine Pumpe, die seit der Rückkehr nach Pto. Williams im Dauereinsatz war, hat trotz aller Versuche der Wiederbelebung ihren Geist endgültig aufgegeben und fördert nichts mehr, lässt dafür lieber die Sicherung regelmäßig fliegen. So werden die Nächte recht kurz und der Körper immer müder. Die Anstrengungen zeigen sich immer deutlicher im Gesicht und durch schmerzende Arme, Beine, Schultern.

Die Aufräumarbeiten gehen weiter, tagein tagaus. Als die „Polarwind“ von Oswaldo und Jutta einläuft, blitzt die Sonne am Horizont wieder auf. Die Beiden sind bereit, „Bomika“ nach Ushuaia zu schleppen, nachdem Ihre Gäste vom letzten Törn abgereist sind. AM Freitag soll auch das Wetter besser sein und die Vorhersage verspricht leichte Winde, die Abfahrt wird für den frühen Morgen um 0530h bis 0600h geplant. Also heißt es für uns: ranklotzen und weiter räumen. Unser Kammer wird noch mal durchsucht und es wird fieberhaft überlegt: was soll mit nach Ushuaia, was kann hierbleiben, was braucht Lisa noch für die nächsten 10 Tage in Puerto Williams, was soll schon mal mit, damit wir neben den Katzen und deren „Zubehör“ bei der späteren gemeinsamen Reise nach Ushuaia nicht zu viel zu schleppen haben? Denn nachdem „Bomika“ in Ushuaia auf dem Trockenen steht, werde ich dort nach einer geeigneten Unterkunft für uns suchen und die Reparaturarbeiten anleiern, dann nach Pto. Williams zurückkehren und Lisa und unsere Miezen abholen, um die Zeit der Reparaturen gemeinsam in Ushuaia zu verbringen. Sobald selbige abgeschlossen sind, geht es mit „Bomika“ zurück nach Pto. Williams, um unsere eingelagerte Ausrüstung, Polster und Wäsche abzuholen. Danach noch mal durch die Kanäle starten mit Ziel Valdivia, wo eine professionelle und endgültige Reparatur gemacht werden soll. Soweit die Planung – wie es tatsächlich aussehen wird, wird die Zukunft zeigen. Bis zum Ende der Reparatur wird wohl ein, vielleicht auch 2 Monate vergehen – je nachdem, wie lange die Ersatzteillieferungen dauern. Dann setzt der Winter ein, die Tage werden extrem kurz und die Tageswegstrecken ebenso. Kälte und Schnee werden wohl an der Tagesordnung sein und hoffentlich dafür der Wind weniger stürmisch und ein schnelleres Vorankommen erlauben. Patagonien im Winter war zwar nicht vorgesehen, ist nun aber nicht zu ändern.

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Karin und Jim, SY Victoria

 

Auch die „Victoria“ mit Jim und Karin läuft wieder ein, die Wiedersehensfreude ist groß! Andererseits gibt es noch einige behördliche Hürden zu meistern. Denn als ich mit Oswaldo am Donnerstag zum Hafenbüro gehe, sind ein paar besondere Formulare zum Schleppen auszufüllen. Dann soll auch noch ein Taucher den Rumpf von Bomika inspizieren. Der ist aber gerade unterwegs, wir sollen später noch mal kommen. Wir werden noch weitere Male vertröstet, der Hafenkapitän meint, der kommunale Taucher ist in Urlaub, er wird sich dafür um einen Taucher der Navy kümmern. Eventuell ist auch eine Ausnahmegenehmigung von ganz oben zu bekommen, um diese Inspektion zu vermeiden. Es wird später und später, am Abend sind wir wieder im Hafenbüro. Oswaldo bekommt die Zarpe nach Ushuaia, bei mir dauert es länger. Als der ganze Behördenkram mit Hafenbüro, Zoll und Immigration abgeschlossen ist, bekomme ich trotzdem keine Zarpe ausgehändigt. Die soll mir später gegeben werden, erst muss eine Inspektion der Boote zum Schleppen erfolgen. Für eine Stunde später wird selbige angesetzt, tatsächlich werden es eher zwei und mittlerweile dunkel. Oswaldo muss ein engbeschriebenes Formular unterschreiben und die Verantwortung für „Bomika“ samt Crew übernehmen, darf nicht bei zu viel Wind schleppen und außerdem darf sich keiner an Bord des geschleppten Schiffes aufhalten. Das ist aber Unsinn, da ja jemand die Leckage im Auge haben und auch steuern muss, damit „Bomika“ auch brav folgt und nicht aus dem Ruder läuft. Nach langer Diskussion sehen das die Beamten ein und nehmen die Papiere mit zum Ändern. Um Bomika schon mal vom inneren Liegeplatz nach draußen an die Boje zu ziehen, ist es zu spät geworden, wir planen um, das am Morgen zu machen, kurz vor dem Auslaufen, wenn auch der aktuelle Wetterbericht verfügbar ist und passt. Ich überbringe die Hiobsbotschaft Jim, der mich mit dem Dingi schleppen will. Er schaut richtig begeistert drein, am Freitag um 0530h aus den Federn geholt zu werden, nimmt es aber gelassen. Helfen ist Helfen, Jim ist der Letzte, der sich da drückt. Durch das ganze Hin und Her und die restlichen Vorbereitungen auf „Bomika“ ist bei mir Mittag- und Abendessen ausgefallen. Jutta entschädigt mich dafür mit zwei Portionen Lasagne, danach bekomme ich im Micalvi Club von Miguel und Luis einen großen Teller Spagetti und ein Käsesandwich serviert, die Miguel von zuhause mitgebracht hat. Damit sind die ausgefallenen Mahlzeiten bestens kompensiert.

Am Freitag fällt das Aufstehen um 0430h erstmal schwer, es regnet immer noch, die Temperatur ist im Keller. Pünktlich sind wir in Micalvi, laden die letzten Taschen an Bord und lassen die Pumpen kurz laufen, dann treffen wir Oswaldo und Jutta an Bord der „Polarwind“. Das Nachbarschiff läuft gerade aus und wird in einer ½ Stunde über Funk Bescheid geben, wie das Wetter im Kanal ist. Oswaldo erfragt das Wetter aus dem Internet, aber auch von der Armadastation. Das Ergebnis hört sich nicht gut an. Im Kanal sind es derzeit 15 Knoten, obwohl in Micalvi kaum ein Lüftchen zu spüren ist, Tendenz steigend. In Ushuaia ebenfalls 15-20 Knoten, aber in wenigen Stunden werden 35-40 Knoten erwartet. Keine Bedingungen für ein Schleppen, das könnte übel ausgehen. Nett und hilfsbereit, wie die Crew der „Polarwind“ nun mal ist, verschieben sie ihre Abfahrt auf den Nachmittag oder Samstag morgen, obwohl sie ziemlich viel in Ushuaia zu erledigen haben und ihnen die Zeit davon läuft. Jim ist auch bereits auf den Socken, lenzt sein Dingi und ist bereit, Bomika aus ihrem Parkplatz zu ziehen, bevor der Wind zunimmt. Alles geht glatt und bald darauf liegt „Bomika“ direkt neben „Polarwind“. Leinen aufklarieren, insbesondere die beiden 100m-Leinen, die sonst nur im Weg umgehen, dann geht es zurück zum Hostal. Lisa ist schon vorgegangen und holt etwas Schlaf nach, während ich auf die Tasten haue und endlich unser Logbuch aktualisiere.

Nach dem Mittagessen geht es wieder zum Yachtclub, Pumpe laufen lassen und mit Oswaldo die Lage prüfen. Und schon taucht ein neues Problem auf. Nachdem wir die Genehmigung von der Armada für den Schleppverband haben, wird ja auch noch eine entsprechende Bestätigung von der Prefectura in Ushuaia benötigt, da es sonst zu Problemen für die „Polarwind“ wegen unerlaubten Schleppens oder Manöver in Argentinischen Gewässern kommen kann. Und das kann Oswaldo mit seinem Charterbetrieb gar nicht gebrauchen. Ich telefoniere mit Roxanna, TO-Stützpunktleiterin in Ushuaia, die sich gleich darum kümmern will. Nach 2 Stunden der nächste Anruf, doch die Behörden in Argentinien sind nicht so schnell, Geduld ist gefragt, die Prefectura sucht sich immerhin die ganzen Daten der beiden Yachten zusammen. Mittlerweile gehe ich zum Hafenamt wegen meiner Zarpe, die ich noch nicht erhalten habe. Nach einigem hin und her stellt sich heraus, dass diese versehentlich zusammen mit der Ausfertigung der Armada in der Akte abgelegt wurde. Nun wird das Datum von Freitag auf Samstag geändert und mit drei neuen Stempeln versehen, dann muss auch Oswaldo noch mal kommen, damit auch die Zarpe der „Polarwind“ entsprechend geändert wird. Schließlich telefoniert der Offizier mit der Prefectura in Ushuaia und erklärt, dass alle Papiere und Genehmigungen für den Schlepp von der Armada vorliegen und das doch sicher für die Prefectura in Argentinien okay ist. Doch weit gefehlt! Die Antwort durch den Hörer ist eher niederschmetternd. Ushuaia verlangt in etwa denselben Papierkram an Formularen, Erklärungen und Sonstigem, daneben noch einen Agenten, der uns in Ushuaia vertritt, einen Bevollmächtigten der Versicherung und detaillierte Skizzen zum Schleppmanöver. Erst dann würde der Kommandant der Prefectura entscheiden, ob er es genehmigt oder nicht. Auf jeden Fall dauert das einige Tage und übers Wochenende geht gleich gar nichts. Wer würde da noch bereit sein, „Bomika“ zu schleppen? Es ist ein Wunder und hoch anzurechnen, dass Oswaldo das alles auf sich genommen hat und auch noch einen extra Tag wegen uns und der behördlichen Prozedur gewartet hat. Eine solche Chance wird sich wohl kaum ein zweites Mal ergeben, zumal dann auch noch der Wetterfaktor berücksichtigt werden muss. So ruhiges Wetter wie Samstag/Sonntag werden wir wohl auch nicht mehr so schnell haben.

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Oswaldo                                                      die “Polarwind”

Wir sind alle geschockt und deprimiert, dass es so gekommen ist. Doch wer weiß, für was es gut ist? Wären wir am Freitagmorgen unbedarft losgefahren, hätte uns wahrscheinlich weit Schlimmeres in Ushuaia erwartet. Noch bevor es dunkel wird, wird Jim mit seinem Dingi zum vierten Mal aktiv und bugsiert „Bomika“ wieder zurück in den inneren Teil des Yachtclubs und danach ist erstmal ein Pisco Sauer fällig und ein dickes Danke, vor allem an Oswaldo und Jutta. Deren Aufopferung und selbstlose Hilfsbereitschaft steht den Bewohnern von Puerto Williams in Nichts nach und findet im Europäischen Seglerkreis sicherlich nicht so schnell seinesgleichen. Überhaupt ist die Hilfsbereitschaft und der Zusammenhalt sowohl unter Seglern als auch mit den Einwohnern ohne Grenzen und so vorbehaltlos, wie man es wohl selten in einer anderen Ecke der Erde erlebt. Obwohl es im Yachtclub oft zugeht wie im Taubenschlag (zumindest im Sommer), ist Pto. Williams doch eine Kleinstadt am Ende der Welt mit nichts als Natur in der näheren Umgebung, sehr wechselhaftem und unberechenbarem Wetter mit nur 2.260 Einwohnern. Viele davon sind Angehörige der Armada, der Chilenischen Navy, so dass entsprechend wenige zivile Einwohner verbleiben.

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Obwohl in der Stadt viele streunende Hunde herumlaufen, von denen die meisten erstaunlicherweise recht gepflegt aussehen, findet man keinen Hundekot auf den Strassen und Wegen. Pferdeäpfeln darf man dagegen häufiger ausweichen, denn die Wildpferde wandern auch quer durch die Stadt auf ihrer Suche nach einem Weideplatz und wohlschmeckenden Gräsern. Blumen in den Gärten und Vorgärten der Häuser sind eher selten, Kingfischer, Wildgänse, Falken und anderen Vögeln begegnet man dafür recht häufig. Eben richtiges „wild life“ in Puerto Williams – so mögen wir das!

e_P2262607Am Sonntag erwartet uns ein neuer Anblick der Landschaft: in den letzten Stunden der Nacht und am Vormittag sind 40cm Neuschnee gefallen.e_P2262610 Häuser und Strassen sind weiß und auch „Bomika“ wartet in einem Hochzeitskleid auf. Und das mitten im Sommer, wo es im Februar eigentlich 20-25º C haben sollte. Der Gang von Hostal zu Micalvi und vor allem über die Boote zur Bomika wird zur Rutschpartie und man muss schon sehr aufpassen, vor allem mit Gepäck unterm Arm, nicht im eisigen Wasser zu landen.

Mo – So, 27.Feb – 04.Mrz 2012 (Puerto Williams, Ushuaia)

Seit die kleine mobile Bilgenpumpe sich verabschiedet hat, muss die fest eingebaute herhalten und wird zum Umsetzen in die verschiedenen Bilgebereiche aus ihrer Halterung geschraubt. Damit sie nicht trocken läuft, gehen wir alle paar Stunden an Bord und schalten sie für ein paar Minuten ein, bis das Wasser, das sich inzwischen angesammelt hat, wieder abgepumpt ist. Die Nächte werden entsprechend kurz, die Spaziergänge zwischen Hostal und Bomika häufig. Über mangelnde Bewegung können wir uns dadurch nicht beklagen, laufen wir doch jeden tag etliche Kilometer hin und her. Die Schmerzen in Schulter und Arm werden immer schlimmer, die Tabletten helfen nur eingeschränkt. Eigentlich wären ein paar Tage Ruhe angesagt, damit sich der Körper und die Entzündungen erholen und abheilen können. Aber es gibt zu viel zu tun und so müssen eben Tabletten und Schmerzmittel herhalten.

Als am Mittwoch die Schmerzen unerträglich werden und die Medikamente ausgehen, fährt mich Miguel kurzerhand zum Hospital. Röntgenbilder werden gemacht, der Navy Arzt untersucht mich und schließlich bekomme ich eine Cortisonspritze und ein paar entzündungshemmende Tabletten. In Micalvi bekomme ich dafür das Angebot von Jill und Doug, sie auf „Compañera“ bei der Überfahrt nach Ushuaia zu begleiten und dazu eine Schlafmöglichkeit auf dem Schiff für die Dauer meines Aufenthaltes. Also wird schnell das Notwendigste zusammengepackt, damit für den nächsten Morgen alles vorbereitet ist.

Am Donnerstag wird morgens ausklariert, die Leute vom Zoll und Immigration kennen mich inzwischen auch schon und wundern sich nicht mehr. Dann geht es los, unterwegs treffen wir auf Wale, deren Blas weithin sichtbar ist. Eine rote Yacht kommt uns entgegen und wir fragen uns, ob das „Uzaklar“ auf dem Weg zurück von der Antarktis oder „Persimmon“ mit Ian ist. Kaum angekommen in Ushuaia und nach Erledigung der Einklarierungsformalitäten geht die Lauferei los, zumindest bis um 20:00 die Läden schließen. Meine Einladung zum Essen als Dankeschön wird von Jill kurzerhand in Ravioli an Bord der „Compañera“ umgewandelt und deshalb auf Freitag verschoben.

Am nächsten Vormittag treffe ich mich mit Roxanna, die bereits von meiner Ankunft in Ushuaia vorgewarnt ist und mich fleißig von Shop zu Shop fährt und hilft, wo ich was bekomme. Ab Mittag bin ich dann per Pedes unterwegs, denn in der Innenstadt ist es sowieso zum Parken schwierig. Trotzdem steht Roxanna „Gewehr bei Fuss“, um mich ggf. mit den Einkäufen abzuholen und zum Club zu fahren. Ich lerne Mark von der „Alpha Wave“ kennen, der mir eine Kartusche gutes Marinesilikon vermacht, ebenso Steve von der „Silas Crosby“. Abends wandern wir alle zusammen in die Stadt zum Abendessen. Da Mark statt einer Sprayhood eine hoch aufragende Konstruktion von Cockpitzelt errichtet hat, die über große Flächen von durchsichtigem Plastik verfügt, wird seine „Alpha Wave“ auch scherzhaft „Papamobil“ genannt. Aber das hört er nicht so gerne und übergeht derlei Bemerkungen lieber.

Am Samstag geht die Lauferei weiter, nebenbei suche ich nach einem Segler, der möglichst bald nach Pto. Williams aufbricht und bereit ist, mich samt Gepäck mitzunehmen. Die Schiffe in AfaSyn und Club Naval werden abgeklappert und laut Marinero soll am Abend noch ein Segler einlaufen, der am Sonntag bereits nach Pto. Williams weiter will. Chris von der Pelagic will mich mitnehmen und voraussichtlich Mo oder Di auslaufen. Roxanne hat ein französisches Schiff an der Angel, das ebenfalls bereit wäre. In all den Tagen rudert mich Jill unermüdlich zwischen „Compañera“, die an einer Boje liegt, und dem Yachtclub hin und her. Ihr macht das nichts aus, sie ist rudern gewohnt wie Fahrrad fahren. Immerhin hat sie rudernd über 20.000sm in der Arktis, Grönland, Neufundland und Norwegen zurückgelegt. Eine außergewöhnliche Leistung, beschrieben in Ihrem Buch „Rowing to Latitude“, die sie aber nur achselzuckend abtut und lieber übergeht. Jill und ihr Mann Doug sind seit fast 30 Jahren Lawinenexperten in Alaska, ihrer Wahlheimat für den größten Teil ihres Lebens, bevor sie auf die „Compañera“, einen stäbigen Kutter aus Holz, umgestiegen sind und von Alaska aus den Kontinent umrunden.

Sonntag gibt es Waffelfrühstück auf „Compañera“, Doug hat den Teig bereits am Abend angerührt und brutzelt fleißig. Dazu warme Sahne, Honig, Sirup und eine warme Früchtemischung, ganz nach Gusto. Eingeladen sind auch Mark von der „Alpha Wave“, Steve mit Meredith von der „Silas Crosby“, Pasqual und Bernadette von „Valhalla“ und Jürgen mit Claudia von der „Caledonia“. Alle kommen, teilweise mit Dingi, teilweise im Kajak, obwohl es heftig regnet. Die erwartete Yacht hingegen kommt nicht, Chris wird doch erst am Dienstag auslaufen, aber Thierry von der „Esprit d’ Equipe“ nimmt mich gerne mit. Um 0900h soll ich mich beim Schiff einfinden. Mein Gepäck, das ich bei Mark zwischengelagert habe, wird mit dem Ruderboot noch am Abend zur „Compañera“ gebracht, Jill wird mich damit am Montagmorgen zu AfaSyn hinüber rudern. Bei mir stellt sich nicht nur Erschöpfung ein, sondern auch eine schöne Grippe, der Schlafmangel wegen der Schulterschmerzen wird auch nicht weniger. Ich sehne mich nach Pto. Williams zurück, nach Lisa, den Miezen und ein paar Tage Ruhepause. Die Stunden in Ushuaia sind gezählt und der Abschied von Jill und Doug fällt trotzdem schwer, die Beiden sind mir in den letzten tagen sehr ans Herz gewachsen.

Mo – So, 05.–11.Mrz 2012 (Ushuaia, Puerto Williams)

Am Montag rudert mich Jill direkt zur „Esprit d’ Equipe“ und wir laden meine Einkäufe dort ab. Bis es zur Prefectura geht, ist noch Zeit zum Überbrücken, die ich für eine Dusche im Club und einen letzten Einkauf im Supermarkt nutze. Die Gäste sind gestern aus Frankreich eingetroffen und waren wegen der Zeitverschiebung bereits um 0500h hell wach und haben den Skipper Thierry als auch seinen Maat frühzeitig mit lautem Palaver geweckt. Thierry holt deshalb noch etwas Schlaf nach und mittags fahren wir zusammen zur Prefectura zum Ausklarieren. Während der Überfahrt haben wir kaum Wind, und so geht es mit 7,5Kn flott voran. Unterwegs sichten wir eine Menge Wale, die ihren Blas in die Luft pusten und ihre Rücken krumm machen während sie durchs Wasser Pflügen. Genau das richtige für die Gäste für ein Foto-shooting. Thiery und seine Crew versorgen mich ebenso wie ihre Gäste mit Kaffee, Wein, Empenadas und Salat und bereits nach 4 Stunden erreichen wir Puerto Williams. Lisa wartet schon auf Micalvi, doch mir bleibt nicht viel Zeit für die Begrüßung, der Behördengang geht vor. Danach wird mein Gepäck auf die „Bomika“ verfrachtet und der Tag ist somit erstmal gelaufen.

Der Rest der Woche vergeht in täglicher Routine: nach einem kurzen Frühstück hinunter zu Micalvi und „Bomika“, Pumpen einschalten und Wasser mit Ösfass, Schwamm und Eimer lenzen, die noch an Bord befindlichen Sachen umräumen und so erst das Vorschiff, später die Achterkabine ausräumen, mit Frischwasser spülen, alles wieder trocken wischen, dann mit Essigwasser durchwischen und trocknen lassen. Wieder einräumen und die nächste Kabine ist dran. Zwischendurch Kühlschläuche am Motor erneuern, Leckage nacharbeiten, mit der Versicherung, der Werft und anderen Ersatzteillieferanten schreiben und telefonieren. Mittags und Abends spazieren wir zum Hostal für eine Mahlzeit und gegen Mitternacht werden die Pumpen ein letztes Mal bedient bevor wir uns zur Nachtruhe wieder ins Hostal begeben. Die in Ushuaia neu besorgte Lenzpumpe sollte sich eigentlich automatisch ein- und ausschalten und uns den nächtlichen Gang zum Pumpen ersparen, aber natürlich funktioniert das nicht. Wir sind schon froh, überhaupt eine Ersatzpumpe zu haben. Dabei hat uns die Grippe alle Beide fest im Griff, abwechselnd bleibt einer von uns deshalb auch mal einen Tag im Bett, um dem Körper die dringend benötigte Ruhe zur Erholung zu geben. Mehr Pause gönnen wir uns nicht.

Zwischenzeitlich kennt uns in Puerto Williams fast jeder. Auf der Strasse werden wir von jedem begrüßt, aus den Autos winkt man uns kräftig zu. Als der Hafenkapitän Bañados und sein Team die Bar in Micalvi betritt, werden wir mit einer herzlichen Umarmung begrüßt. Jeder bietet seine Hilfe an, wir sollen uns nur an Ihn wenden, wenn wir etwas brauchen. Irgendwie gehören wir inzwischen einfach zu Pto. Williams. Vielleicht musste uns das Schicksal ereilen, weil wir viel zu schnell und bald aufgebrochen sind? So viele liebe Menschen haben wir seit dem kennen gelernt, denen wir an Gastfreundschaft und uneigennütziger Hilfe kaum das Wasser reichen können. Neben den vielen neugewonnenen Seglerfreunden sind da Miguel und Belen, Luis, Vicky und Milena, Ronnie, Pepe, Alejandro, Simon, Dennis, Bañados, Philipe und Maria, Cäsar und noch viele andere, die wir gar nicht alle auflisten können.

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oben links:      Completo-Essen mit Freunden

oben rechts:      Miguel und Conny

links:      Dennis, der Mann für alle Fälle

 

 

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oben links:         Belen

oben rechts:      Ian und Jackie

links:                  Sebastian

 

 

Am Sonntagnachmittag wird die tägliche Routine für die familiäre Geburtstagsfeier von Sarah unterbrochen, die Tochter des Pastors wird 18. Kaffee und Kuchen werden in der Kirche serviert, der 7-jährige Sebastian versucht sich an Tamburin und Gitarre, Miguel am Schlagzeug. Kurz vor 1900h wird die Tafel schnell aufgeräumt, die Kirchenbänke und Stühle wieder zurecht gerückt für die folgende Messe und für uns geht die Routine auf „Bomika“ weiter.

Mo – Mo, 06.-13.Feb 2012 (Seno Garibaldi, Caleton Silva, Pto. Williams)

Montag früh: Schietwetter, der Wetterbericht ist schlechter als zuvor, dafür schauen ein paar Delphine kurz vorbei bevor sie wieder Richtung Fjordausgang schwimmen – ein Zeichen für uns, doch loszufahren? Das Wetter spricht zwar erstmal dagegen, kann also nur besser werden, was uns ja auch die Grib-files (Wetterdaten mit Windpfeilen) versprechen. Also gegen Mittag rein in unser Bommelchen und die Landleine losmachen, dann fegen uns erstmal wieder heftige Böen und Regenschauer beim Hochholen des Ankers um die Ohren. Aber im Fjord sind wenigstens kaum Wellen und so nutzen wir die Zeit bis zur Wetterbesserung, um weiter den Seno Garibaldi hinauf zu fahren bis etwa 1sm vor den Gletscher. Da beginnt nämlich das dichte Eisfeld vom letzten Kalben. Der Wind beruhigt sich erstmal, zumindest hier im Fjord. Wie es draußen im Beagle Kanal aussieht, werden wir erst sehen, wenn wir ein paar Stunden später dort sind. Hohe Klippen, durch deren Schlucht wir langsam vorwärts fahren, ziehen an uns vorbei. Überall zeigen sich spektakuläre Wasserfälle, die in den Fjord stürzen. Von den Felsen hallt Seelöwengeschrei wider, doch entdecken können wir keinen.

 

Das Wetter bleibt durchwachsen, noch im Fjord erhalten wir Delphinbegleitung, und auch später im Kanal O’Brian bleibt uns der Begleitservice treu. Auch Pinguine schwimmen immer wieder um unser Schiff. Regen verringert die Sicht, aber der Wind bleibt wenigstens unter 20Kn aus nördlicher Richtung, sinkt sogar immer wieder ab auf läppische 2 Bft. So kommen wir gut voran und an der Armada Station Timbales vorbei, die direkt unterhalb zweier Wasserfälle liegt.

Am Abend nimmt der Wind nochmals ab, seine Diät scheint gut zu sein! Das Meer beruhigt sich auch und als wir in den Kanal O’Brian einfahren, bleibt uns immer noch genug Zeit, um die als sehr sicher geltende Caleton Silva auf der Isla Londonderry anzusteuern. Also starten wir durch, um weitere 10sm Richtung Westen hinter uns zu bringen. Gegen 2200 Uhr erreichen wir unser Ziel und bringen den Anker aus, stellen sicher, dass der Schwojkreis reicht und wir dabei in der Abdeckung bleiben und der Anker gut eingefahren ist. Wir stecken extra viel Kette und wir kommen bei 8m Tiefe zum liegen, während der Anker auf 6m Tiefe ruht und sich trotz aller Motorkraft nicht mehr bewegt. Inzwischen wird es dunkel und für uns Zeit, endlich zu Abend zu essen und uns frisch zu machen, bevor wir in die Koje steigen. Der Schlaf holt uns schnell ins Reich der Träume, soll uns aber nicht lange vergönnt sein.

Bereits eine gute Stunde später, gegen 0130h, werden wir durch ein unangenehmes Geräusch und einen Ruck geweckt und stürzen sofort an Deck. Zum Anziehen bleibt da nicht viel Zeit und wir sehen, dass wir dem Ufer sehr, sehr nah sind – viel zu nah! Schon rumst es noch mal kurz, als der Kiel Grundberührung hat. Schnell den Motor angeworfen, kurz orientiert und weg von den Felsen. Es ist klar, der Anker ist geslipt und muss nach oben, damit wir ihn ggf. von Schlamm und Kelp befreien können und er beim nächsten Ankermanöver auch wieder greifen kann. Nebenbei versuchen wir tieferes Gewässer innerhalb der Bucht zu erreichen. Es pfeift inzwischen mit 40Kn (75km/h), in Böen einiges mehr und es braucht die volle Motorkraft, um dagegen anzukommen. Der nächste Schreck lässt nicht lange auf sich warten: der Motor läuft heiß und es riecht nach Verschmurgeltem. Wir lassen schnell den Anker wieder weiter runter und schalten die Maschine ab. Es qualmt und stinkt aus dem Motorraum, Sicht gleich null, als wir mit Feuerlöscher bewaffnet den Motorraum öffnen. Langsam entweicht die angehaltene Luft aus unseren Lungen – wenigstens kein Feuer! Es dauert eine Weile, bis wir durch den Rauch etwas erkennen können, aber dann scheint alles in Ordnung zu sein bis auf etwas Kühlwasser, das im Motorraum herumschwappt. Es ist wohl viel Rauch um nichts, und bald können wir den Motor wieder starten. Kein bisschen zu früh, denn der Anker slippt schon wieder und wir treiben erneut nah ans felsige Ufer. Wir starten ein neues Manöver, um den Anker wieder hoch zuholen, die Ankerwinsch muss dabei mit Maschine unterstützt werden, da der Zug auf die Kette sonst zu stark ist. Der Wind beutelt uns recht und lässt Bomika mal nach links, mal nach rechts ausscheren. Dabei gerät dann irgendwann die Ankerkette um den Propeller! Auch das noch, mit vorsichtigen kurzen Schüben vorwärts und rückwärts kriegen wir die Kette wieder klar, aber der Motor entwickelt keine Schubkraft, keine Reaktion, keine Vorwärtsbewegung mehr, wir sind schlichterdings manövrierunfähig. Wir können nur noch Kette nachlassen und hoffen, dass der Anker bald greift. Doch soviel Glück ist uns nicht vergönnt. Wir driften weiter durch die Bucht und an den felsigen Strand, bis nach nur wenigen Minuten der Kiel auf einem Felsen feststeht und wir leicht hin und her schwanken. Wir setzen einen Pan-Pan Ruf ab über Funk und erhalten auch gleich Rückantwort von der Küstenwache, der Chilenischen Armada. Sie schicken uns zur Sicherheit ein Fischerboot vorbei und auch das Patrouillenboot der Navy. Ersteres soll gegen 0400h oder 0430h eintreffen, letzteres gegen 0900h. Die Jungs von der Navy waren gerade eine Stunde zuvor von einem anderen Einsatz nach Puerto Williams zurück gekommen und wurden nun schon wieder aus ihren Betten geholt, um die rund 120sm bis zu uns so bald wie möglich zu schaffen. Über VHF Radio verbindet die Armadastation Timbales uns direkt mit Puerto Williams, von dort werden wir auch über Iridium Telefon angerufen, als der Empfang zwischendurch zu schlecht wird. Es ist erstaunlich wenig Zeit vergangen, obwohl alles sehr schnell ging, scheinen doch Stunden dahin geflossen zu sein. Wir versuchen, einen klaren Kopf zu bekommen und weitere Möglichkeiten zu ergründen, was als nächstes tun, was wenn wir Bomika verlassen müssen?. e_P2072514Das in der Ebbe ablaufende Wasser lässt uns immer mehr schwanken, bis sich Bomika gegen 0500h schließlich auf die Seite legt und der Rumpf auf dem steinigen Pflaster des Ufers ruht. Es fängt an zu knirschen und etwas Wasser sickert herein, Also werden Bodenbretter entfernt und Stauräume ausgeräumt, um nach Leckagen zu suchen. Doch wohin damit, wie Platz schaffen? Bei Schräglage gar nicht so einfach! Risse oder gar Löcher im Rumpf können wir nicht entdecken und nebenbei fangen wir an, schon mal unsere wenigen Taschen und Seesäcke zu füllen mit ein paar Klamotten, PCs, Kameras, Logbücher, Papiere, Katzenfutter und was uns sonst noch so auf die Schnelle ein- oder in die Hände fällt. Bei einer Steigung im Schiff von inzwischen sicherlich 50º kein einfaches unterfangen, die Füße finden nirgendwo richtigen Halt.

Als gegen 0600h endlich das Fischerboot auftaucht, hat sich der Sturm beruhigt und ich kann zur Sicherung den Heckanker mit langer Leine – insgesamt 140m – und Dingi neu ausbringen, rudere dann auch kurz bei den Fischern vorbei. Da die Ebbe zu weit fortgeschritten ist, können sie uns auch nicht von den Steinen ziehen. Dafür wäre ihr Motor zu schwach und die resultierende Beschädigung am Rumpf zu groß. Das hätte nur geklappt, solange wir noch aufgeschwommen sind. Also werfen sie Anker und bleiben nahe bei uns, um ggf. Hilfe leisten zu können, bis um 1000h die Küstenwache mit dem Patrouillenboot eintrifft. Wir werden mit einem großen Schlauchboot abgeholt und erstmal für eine Lagebesprechung an Bord des Patrouillenbootes gebracht. Der Kommodore bietet einen warmen und herzlichen Empfang und wir besprechen in aller Ruhe das weitere Vorgehen. Der Offizier zeigt viel Verständnis und Geduld, fühlt mit uns und versucht nebenbei unsere Stimmung etwas zu heben und den Schock zu mindern.

Eigentlich wollte uns das Patrouillenboot sogar vom Ufer ziehen und abschleppen, aber dafür müssten wir auf Flut warten. Leider befindet sich hinter uns auch noch eine Untiefe, zu flach für das tief gehende Schiff der Armada und somit wird auch die Schlepptrosse zu kurz. Obendrein reicht der Dieselvorrat nicht für die lange Wartezeit auf die Flut, da sie wegen des schnellen Aufbruchs vorher nicht nachtanken konnten. Dadurch bleibt nur die Möglichkeit, Bomika zurückzulassen und mit der Navy nach Puerto Williams zurückzukehren. Von dort aus können wir dann eine Bergungsaktion organisieren, eine andere Wahl bleibt uns nicht. Die Besatzung der Küstenwache bringt uns zurück zu unserem nicht mehr schwimmenden Heim und hilft uns, Bomika so sicher wie möglich zu vertäuen und verspannen, um weitere Schäden zu vermeiden oder zu minimieren und unsere wenigen Taschen mitzunehmen, natürlich auch unsere Miezen.

An Bord des Patrouillenbootes werden wir erstmal mit Kaffee und einer warmen Mahlzeit verwöhnt, bekommen auch eine Kabine zugewiesen mit Dusche und dürfen uns frei an Bord bewegen. Aber wir sind zu aufgewühlt und gleichzeitig so gelähmt von den Geschehnissen, dass uns weder nach Schlafen, Duschen oder sonst was ist. Der Kommandant kommt immer wieder und bringt uns mit Geschichten und netter Unterhaltung auf andere Gedanken, die Brücke wird uns erklärt samt ihrer Gerätschaften und die Besatzung versucht uns alle Wünsche an Bord zu erfüllen. Auch unsere Miezen bekommen Auslauf, verkriechen sich aber nach einem ersten Rundgang im bereich der Messe, in der auch wir die meiste Zeit sitzen. e_P2072552Bereits am Abend, nach nur 6 Stunden Fahrt für die Strecke, die wir in 2 ½ Wochen zurückgelegt haben, stehen wir auf dem Pier der Armada in Puerto Williams. Die Soldaten und auch die Offiziere kümmern sich um unser Gepäck, bringen uns für eine kurze Rücksprache mit dem Hafenkapitän ins Büro und besorgen uns eine Unterkunft im Hostel Yagan. Am nächsten Tag sollen wir dann im Hafenbüro vorbei kommen, um einen Bericht über die Vorkommnisse zu machen. Aber erstmal lernen wir Miguel kennen, der das Hostel und gleichzeitig auch den Yachtclub Micalvi führt. Obwohl wir ja letzte Nacht kaum geschlafen haben, die vorangegangene ebenso nur wenig Dank der anstehenden Abreise aus Seno Garibaldi, können wir uns nicht entspannen und finden kaum Schlaf, den wir eigentlich nötig hätten.

Am Mittwoch steht am Vormittag erstmal der Besuch beim Hafenkapitän an, wir erzählen ihm unsere Geschichte der Ereignisse, während ein anderer am PC alles niederschreibt, was der Kapitän vom Englischen ins Spanische übersetzt. Zum Ausgleich und zur Sicherstellung des richtigen Verständnisses darf ich auch selbst einen Report in Englisch für die Akten verfassen, den ich später vorbei bringen soll.

e_P2112591e_P2112592Ein Journalist aus Santiago meldet sich am Telefon und will ein Interview, seit dem sind wir im ganzen Land in den verschiedenen Regionalzeitungen verbreitet und bekannt.

 

Ansonsten sind auch die kommenden Tage angefüllt mit viel Laufereien. Wie, wann, von wo und mit wem kann eine Bergung durchgeführt werden? Welche Ausrüstung, welche Hilfsmittel werden benötigt, wo bekommen wir die? Die nächsten drei Tage werden zum Spießrutenlauf von Pontius zu Pilatus, erfolglos und deprimierend, dann auf einmal sehr positiv und erfolgreich. So geht es mit Allem hin und her. Wir finden mit Hilfe von Miguel den Schlepperkapitän Ronnie, der hier unten im Süden der einzige ist mit einem Boot und starkem Motor, der Bomika ziehen könnte. Sein Schlepper wurde ursprünglich zum Fischen und Fangen von Seespinnen genutzt und später umgebaut mit Kabinen und Aufenthaltsraum für Touren mit Gästen zum Kap Hoorn und in die Kanäle Patagoniens. Er ist auch grundsätzlich bereit, die Bergung zu übernehmen. Auf einmal gibt es jede Menge Stimmen im Hintergrund, die ihn schlecht machen und uns warnen wollen – warum, was steckt denn da schon wieder dahinter? Angeblich kennt er sich nicht mit Segelyachten aus, würde es nur mit Gewalt von den Steinen ziehen. Zusammen mit unseren Seglerfreunden Werner von der „Kleiner Bär“ und Michael von „Iron Lady“ werden anhand der Bilder, die wir vor dem Abbergen gemacht haben, die Möglichkeiten und Vorgehensweisen einer Bergung besprochen. Die Beiden haben sich dankenswerterweise ohne lange zu Überlegen bereit erklärt, mich bei der Bergeaktion zu begleiten und zu helfen. Ein weitere Pluspunkt ist, beide sprechen Spanisch und eliminieren damit das Sprachproblem, denn Ronnie spricht nur Spanisch, seine wenigen Worte in Englisch reichen nicht aus, um so eine Aktion zu koordinieren. Dabei stellt sich auch heraus, dass Ronnie sehr wohl Erfahrung hat und weiß, was er macht. Nur hat er diesbezügliche Erfahrungen hauptsächlich mit Stahlbooten gemacht, die ja einiges mehr wegstecken können als eine GFK Serien-Yacht. Wir diskutieren auch die eventuell benötigten Hilfsmittel, was Ronnie in seinem Fundus hat und was noch besorgt werden muss. Zusätzliche Fender werden von anderen Seglern geliehen, um sie zum unterfüttern von Bomika zu benutzen. Ich versuche noch, Gummistiefel zu bekommen – am besten Hosenstiefel aus Neopren. Nach langem Suchen werde ich in einem Outdoor-Laden fündig, aber es gibt nur einen dieser Stiefelanzüge. Dann geht es noch um Holz. Balken und Sperrholzplatten bekomme ich schließlich von Miguel, der mir bei der Holzbeschaffung hilft und mich herumfährt, die Lage in Spanisch erklärt und für einen niedrigen Preis sorgt. So bekomme ich den Stiefelanzug im Tausch für eine Flasche guten Rotweins geliehen und die Holzstämme von einem Schreiner zu einem Spezialpreis überlassen. Am Donnerstag Abend erfahre ich dann noch, dass erst eine Anzahlung von $6.500 zu leisten ist, sonst findet die ganze Aktion nicht statt. Doch soviel Bargeld haben wir nicht annähernd dabei. Für eine Onlineüberweisung fehlt die Tan-Liste, die Bankdaten sind unvollständig und müssen von mir am nächsten Morgen auf der lokalen Bankfiliale erfragt werden. Auweia, das wird knapp, denn die Zeitverschiebung ist auch noch zu berücksichtigen. Wenn die Bank hier tatsächlich um 0800 Uhr aufmacht, bleiben 1 oder maximal 2 Stunden, um alles durchzuführen. Vorsichtshalber stelle ich den Wecker für die Nacht, um bei der Bank in Deutschland schon mal telefonisch alles vorzubereiten.

Natürlich ist der Filialleiter, der uns kennt, in Urlaub, die Vertretung braucht eine Genehmigung von Oben. Außerdem reicht meine Email mit der Order nicht, eine Unterschrift ist notwendig. Aber in ganz Pto. Williams gibt es kein Fax und mein Scanner ist noch an Bord. Gott sei Dank hat Rosemarie, Lisa’s Schwester, eine Generalvollmacht. Also noch eine Email, zum Yachtclub laufen wegen einer Internetverbindung, zurück zur Bank. Die öffnet natürlich erst um 0900 Uhr und braucht dann ewig lange, um mir den Swiftcode und die Bankadresse in Punta Arenas mitteilen zu können. Dazu muss erst die Hauptfiliale angerufen werden, was natürlich mit einem Schwätzchen verbunden wird. Die Zeit tickt und rinnt mir durch die Finger, aber um 0930h habe ich die Daten, gebe alles gleich telefonisch durch nach Deutschland und bekomme das Versprechen von meiner Bank, dass die Überweisungsbestätigung auf jeden Fall gleich noch gesendet wird. Puh, erste Hürde geschafft. Ronnie ist noch etwas skeptisch, aber akzeptiert. Mit ihm zusammen sammeln wir das Holz ein, die schweren, 2,5 – 3 Meter langen Baumstämme sind ganz schön schwer, zerkratzen mir Hände, Arme und Schultern. Die glatten Balken und Spanplatten sind da einfacher zu tragen und wiegen auch viel weniger. Später kommen noch Werner und Michael dazu und wir laden Ronnies Ausrüstung auf den Laster: Kompressor, 200L-Fässer, lange Leinen, Werkzeug, Motorpumpe und Schläuche, Tauchausrüstung, Beiboot, hydraulische Stempel, Kettenflaschenzug, und, und, und … Dann gilt es, alles vom Laster über die Pier und auf die „Patriota“, unser Heim für die nächsten Tage, zu schleppen. Ronnie erledigt noch den Behördenkram beim Hafenkapitän und holt das Unterwasserepoxy vom Flughafen ab, das Gott sei Dank am Freitagvormittag, zwei Tage nach der Bestellung, per Expressfracht noch angekommen ist. Inzwischen ist es Abend geworden und Zeit, Pto. Williams den Rücken zu kehren mit Ziel Caleton Silva, Puerto Engano. Unterwegs erfahre ich auch, dass Engano „Lüge“ heißt und seinen Namen bekommen hat, weil diese Bucht sehr trügerisch ist. Sie erscheint gut geschützt, doch innerhalb der Bucht drehen sich die Winde gerne im Kreis und können dadurch gefährlich werden. Für uns kommt diese Erkenntnis natürlich zu spät, aber es sind ja doch viele Yachten in dieser Gegend unterwegs. Etwa 14 Stunden wird die Überfahrt durch den Beagle Kanal dauern, vorbei an den hohen Bergen und Gletschern, die wir aber nicht recht wahrnehmen. Vielmehr hält uns die Aufregung gefangen – was werden wir vorfinden, liegt Bomika weiter auf den Felsen, wurde sie von den Stürmen der letzten Tage auf den Felsen aufgerieben und weiter zerstört, wurde sie von Fischern oder anderen Seefahrern geplündert? Bergungsstrategien werden nochmals durchgesprochen, aber letztlich müssen wir abwarten, welches Bild sich uns bei der Ankunft bieten wird. Zum Kräftesammeln verkriechen wir uns in den „Laderaum“, der zwar niedrig, aber mit bequemen Kojen ausgestattet ist.

Als wir am Samstag morgen gegen 0900h am Puerto Engano ankommen, ist von Bomika erstmal nichts zu sehen. Die letzte Position wird überprüft, aber natürlichen stimmen die Kartenposition der Armada und die GPS Position an Bord nicht ganz überein. Erst als wir schon in der Bucht sind, wird der Mast sichtbar und schließlich die ganze Bomika. Ein trauriger Anblick, so weit oben auf den Felsen auf der Seite liegend. Aber immerhin ist alles soweit komplett, kein Räuber oder sonstige Besucher waren am Werk. Als erstes wird das ganze Material von Bord gebracht und am Ufer bereit gelegt. Michael schnappt sich die Neopren-Latzhose, die in Gummistiefeln endet und schleppt Steine hinter der Bomika aus dem Weg der Zugrichtung. Trotz Neopren kein Vergnügen, wenn das Wasser nur ein paar Grad Temperatur aufweist. Wir setzten die hydraulischen Stempel unter den Rumpf, gepolstert mit flachen, starken Brettern, um die last zu verteilen. So können wir Baumstämme unterlegen und die großen Felsen unter dem Rumpf entfernen. Der dabei freigelegte Anblick erschüttert erst mal: ein Handtellergrosses Loch klafft im Rumpf, daneben noch weitere Löcher und Risse. Ob wir das Alles dicht kriegen? Ich lege die Rumpfschale von innen frei, die schlimmste Leckage ist natürlich genau unter dem Kühlschrank, wo man am schlechtesten hinkommt. Der Kühlkompressor muss raus, ebenso Schapptüren und die Bodenbretter. Bei der enormen Schräglage gar nicht so einfach. Vieles ist im Weg und hat sich auf der Backbordseite, die zum Boden geworden ist, gesammelt. Auch die Bilgen müssen schnell ausgeräumt werden. Nachdem wir für etwa 3 Monate Verpflegung und Getränke eingekauft hatten, wurde jeder Raum ober- und unterhalb der Bodenbretter zum Verstauen genutzt. Dann kommt das Unterwasserepoxy zum Einsatz. Gelbe und Blaue Masse wird verknetet wie kaltes Plastilin und wird schließlich grün und einsatzbereit. Doch bei der größten Leckage tropft es immer wieder weg, selbst bei kurzer Verarbeitungszeit dauert es einfach zu lange, bis es genug aushärtet, um nicht mehr zu tropfen. Sperrholzplatten werden zugesägt zur Unterfütterung innen und außen und mit Schrauben zusammengefügt. Ringsum und dazwischen mit dem grünen Schleim verziert, sollte es halten und dicht machen. Wir werkeln den ganzen Tag und nutzen die Ebbe so lange es geht, denn am Abend soll Bomika von den Felsen gezogen werden. Eine Schlepptrosse wird um den Kiel gelegt und mit Leinen nach oben zu den vorderen Festmacherklampen und seitlich an die Püttings verspannt, damit sie nicht davon rutschen kann. Die leeren Fässer und Fender werden unter den Rumpf gebunden, um für zusätzlichen Auftrieb zu sorgen. Als das Wasser zu hoch wird, ziehen wir uns an Bord der „Patriota“ zurück, auf der Ronnie inzwischen ein, zwei Hühnchen aus dem Backofen wandern lässt. Nach der harten Arbeit schmeckt es gleich doppelt so gut und man merkt, dass Ronnie früher als Koch gearbeitet hat. Bevor die Flut ihren Höchststand erreicht, fahre ich mit Michael schon mal vor zur Bomika. Das Wetter hat sich zusehends verschlechtert, es regnet und schneit. Für den nächsten Tag ist wieder Sturm angesagt, aber das ist ja in dieser Ecke der Welt ganz normal. Der erste Eindruck ist deprimierend, denn der Wasserstand ist innen und außen gleich. Also sind die Leckagen nicht dicht. Doch der Einsatz einer kleinen Pumpe reicht bereits, um den Wasserspiegel im Inneren zu senken. Wir holen Werner mit der Motorpumpe ab und innerhalb weniger Minuten ist das meiste Wasser draußen. Also kann die Leckage nicht so groß sein, ist aber auch nicht lokalisierbar, da sich das Wasser im Schiff durch die hohlen Stringer in die verschiedenen Bilgenabteile verteilt und die Leckstellen an schwer zugänglichen und dunklen Ecken liegen.

Bei Hochwasser bugsiert Ronnie die „Patriota“ heran, die Schleppleine wird verbunden und Ronnie gibt langsam Gas. Die Sicherungsleinen brechen wie nix, eine Verspannung auf die Heckklampe reißt auch diese heraus. Doch Bomika sitzt fest und rührt sich nicht, obwohl es auf Bomika klingt, als würden ihr alle Eingeweide herausgerissen und der Rumpf aufgeschlitzt. Mir zerreißt es dabei das Herz, aber es hilft ja nix. Wir brechen den Versuch ab und kehren enttäuscht auf die „Patriota“ zurück. Die Lagebesprechung findet hauptsächlich in Spanisch statt und ich verstehe bald kein Wort mehr. Michael und Werner dolmetschen zwischendurch für mich. Die Stimmung ist gedrückt, Ronnie will abbrechen und nach dem Abbergen der persönlichen Sachen nach Puerto Williams zurück. Ins Gespräch kommen auch die knapp 200L Diesel, die sich noch im Tank befinden. Sollte der Tank beschädigt werden oder anderweitig auslaufen, drohen extrem hohe Strafen und Ronnie als Skipper der „Patriota“ würde wohl als erster zur Rechenschaft gezogen werden. Auch Michael bekommt dabei kalte Füße, in solch einem Fall als Mittäter bestraft zu werden. Alle sind müde, geschafft und schlafbedürftig. Die Lage entspannt sich noch etwas, schließlich ist der Dieseltank ja nicht direkt mit der Rumpfaußenhaut verbunden, wie dies bei Stahlschiffen oft der Fall ist. Wir einigen uns auf einen weiteren Versuch am Sonntag, bei dem Bomika vor dem Abbergen gedreht werden soll. Mit ein wenig Hoffnung fallen wir erschöpft in den Schlaf.

Am Sonntag geht es nach einem schnellen Frühstück wieder an die Arbeit, begleitet von Regen und Hagel bei bis zu 30 Knoten Wind. Die „Inspirity“ mit Oliver und Delilah ist in der Nacht eingelaufen und steht „Gewehr bei Fuss“, um zu helfen. Während ich im Inneren von „Bomika“ versuche, ein paar Sachen zusammenzupacken und auch Platz zu schaffen – eine Klettertour ohne Gleichen bei etwa 70% Schräglage. Erschwert durch die Sachen, die von der nun hoch liegenden Steuerbordseite heruntergepurzelt sind, Konserven und Gläser aus den Bilgenabteilen, die am Unglückstag schnell geräumt werden mussten, Alles sammelt sich auf der „falschen“ Seite, denn an Backbord wird der Zugang zu Rumpf, Bilgen und Leckagen benötigt. Mit Oliver und Delilah wird der Dieseltank soweit wie möglich geleert, was aber auch Schwierigkeiten birgt. Oliver hat extra eine kleine Benzinpumpe ausgebaut, aber die Leistung ist zu schwach und die Leitung einfach zu lang vom hoch liegenden Steuerborddeck bis zum Boden bzw. in den Tank hinein. Eine zwischengeschaltete Handpumpe hilft etwas, aber Oliver muss immer wieder mit Lungenkraft nachhelfen und ansaugen. Ich hoffe, er hat noch genug Schnaps an Bord, um den Dieselgeschmack loszuwerden. Werner und Michael mühen sich derweil damit ab, Bomika zu drehen. Die Ankerkette wird rausgelassen und der Anker um einen großen Felsen in 40-50m Entfernung verankert. Mit Kettenflaschenzug und einem Seilzug wird die Kette auf Spannung gebracht, Bomika wird zentimeterweise angehoben mittels der Hydraulikheber und fleißig mit Baumstämmen unterfüttert. Sie Spannung auf der Kette nimmt weiter zu, und alle erwarten schon das Brechen der Kette, die mit ihrem Gewicht und dem Zug zu einem unberechenbaren Risiko wird. Doch dann bewegt sich die „Bomika“ doch noch. Erst millimeterweise, dann zentimeterweise. Der Flaschenzug muss immer wieder umgesetzt werden und es ist Schwerstarbeit, die Werner und Michael leisten. Nach mehreren Stunden ist es geschafft, “Bomika“ liegt um etwa 45º gedreht auf den Felsen, der Weg ins tiefere Wasser ist frei und viel kürzer geworden. Inzwischen ist es Nachmittag, Werner und Michael fahren zur „Patriota“ zurück, um eine schwerverdiente warme Mahlzeit zu genießen und sich aufzuwärmen. Ich bleibe an Bord der „Bomika“ zurück, um weiter zu packen, Pumpen und anderes bereit zu halten falls es beim schleppen zu einem größeren Wassereinbruch kommen sollte. Die ewigen Klettertouren auf dem Deck und in der Kajüte haben ganz schön geschlaucht, aber es gibt keine Pause. Durchnässt und Verfroren wird jede Minute genutzt während das Wasser langsam steigt. Immerhin draußen viel mehr als innen – schon mal ein gutes Zeichen. Dann, gegen 1900 Uhr fängt sich „Bomika“ langsam an zu bewegen und noch in Schräglage aufzuschwimmen. Ich funke hinüber zur „Patriota“ und kann die freudige Spannung förmlich über den Äther spüren. Jetzt muss alles schnell gehen, Werner und Michael springen ins Dingi und kommen rüber zur „Bomika“, die Schleppleinen liegen parat und Ronnie manövriert die „Patriota“ heran. Mit Michael verbinden wir die Schleppleinen und beim zweiten Anziehen mit etwas Schwung rutscht die „Bomika“ brav in ihr Element zurück und richtet sich auf. Zurück an Bord lasse ich die Ankerkette ausrauschen, Bomika wird zur „Patriota“ gezogen und längsseits genommen, mit vielen Fendern dazwischen. Michael, Werner und Oliver sammeln noch Gerätschaften, Anker, Kette, und vieles mehr ein und dann kann es losgehen. Doch kaum biegt die „Patriota“ um die Ecke des Kaps, pustet ihr der Wind eine kräftige Breitseite und lässt beide Schiffe auf den Wellen tanzen – natürlich jedes in einem anderen Rhythmus. Die Relingstützen werden eingedrückt, die Fussreling und Scheuerleiste aus Teak splittert und kracht. Da hilft nur eins, schnell umdrehen und zurück in den Schutz der Bucht, sonst wird aus „Bomika“ Kleinholz und doch noch ein Totalschaden. Ronnie nimmt „Bomika“ mit zwei Leinen in Schlepp und Werner steigt zu mir auf „Bomika“ über. Dabei hatte er sich schon auf eine heiße Dusche und trockene Klamotten an Bord der „Patriota“ gefreut. Im Schlepp verbringen Werner und ich die Nacht, beobachten den Wasserstand in der Bilge und steuern abwechselnd, damit „Bomika“ nicht ausschert. Wir sind beide komplett nass und durchgefroren, an Schlaf ist nicht zu denken. Über 24 Stunden wird die Schleppreise dauern, Heizung oder Ofen funktionieren nicht, die Batterien werden auch nicht geladen, obwohl sich der Windgenerator brav dreht. Irgendwo ist ein Kurzschluss entstanden und wir müssen uns den restlichen Saft aus den Batterien für den Pumpeneinsatz aufheben. Kein Tee oder heißer Kaffee, nichts zu essen außer ein paar Keksen und Zwieback. Die Nacht wird lang und auch der Montag zieht sich hin.

In der Zwischenzeit ist Lisa von Miguel und Belen zum Sonntagsgottesdienst eingeladen. Die ganze Gemeinde ist versammelt und betet für die Rettung und Rückkehr der Bomika. Lisa ist überwältigt und den Tränen nahe. Und vor Allem: es hat gewirkt! Aber das soll sie erst am Montag bei unserer Rückkehr erfahren.

Der Wind schwankt zwischen 25 und 35 Knoten, aber wenigstens kriegen wir den im Kanal von hinten ab. Je näher wir Isla Navarino und Puerto Williams kommen, desto mehr nehmen Wind und Wellen zu. Ushuaia wäre zwar näher und für die erste Notreparatur richtig, aber diese Möglichkeit besteht nicht. Zum einen ist Ushuaia nicht geschützt und der Hafen wird i.d.R. schneller und öfter wegen Starkwind gesperrt als Pto. Williams. Dass in Ushuaia auch noch teure Lotsenboote vorgeschrieben sind, fällt nicht so sehr ins Gewicht, doch dürfen Chilenische Schiffe wie die „Patriota“ den Hafen gar nicht anlaufen. Und bei der derzeitigen Wetterlage gibt es in Ushuaia keine Möglichkeit, geschützt vor Anker auf ein Abflauen des Windes zu warten. Als wir in Pto. Williams ankommen und den Schutz des natürlichen Wellenbrechers erreichen, ist auch Pto. Williams für Hafenmanöver gesperrt. „Patriota“ legt sich an die Boje und wir winschen „Bomika“ ganz dicht ans Heck der „Patriota“, so dass Werner übersteigen kann. Ich bleibe lieber auf Bomika, auch wenn eine heiße Dusche und trockene Kleidung sehr verlockend klingt. „Der Kapitän und sein Schiff“, mögen viele sagen. Aber noch ist die Rettungsaktion nicht beendet, zu viele widersprüchliche Gefühle jagen mir durch Kopf und Herz, auch die Ermattung macht sich bemerkbar, der ganze Körper schmerzt, besonders die Bandscheiben und der Rücken.

Keine zwei Stunden später hat der Wind nachgelassen, Hafenmanöver sind wieder freigegeben und „Patriota“ schleppt mich in den Innenhafen. Dort kommt uns Jim von der „Victoria“ mit dem Dingi zu Hilfe. Er hat bereits eine Leine von seinem Schiff über das Fahrwasser und um einen Pfahl am anderen Ufer gelegt und zu Bomika gespannt. An dieser Leine können wir uns von beiden Seiten heranziehen, während Jim „Bomika“ mit seinem Dingi von Ufer wegdrückt. Als dabei sein Benzin ausgeht und der Motor stotternd abstirbt, kommen spannende Momente und ungute Gefühle auf, „Bomika“ berührt kurz den Grund aus Kiesel und Schlamm, aber Jim hat die Ruhe weg und meistert alles mit der Sicherheit der eigenen langjährigen Erfahrungen als Kapitän. Benzin wird nachgefüllt, „Bomika“ hat ja noch ein paar kleine Kanister davon an Bord, dann geht es weiter. Schließlich liegen wir gut vertäut in Micalvi neben der „Victoria“. Bierdosen werden gereicht, Karin, Natalie und Lucia bereiten eine Mahlzeit vor, ganz langsam fällt die Spannung von allen ab. „Bomika“ sieht zwar übel aus, vor allem innen, aber sie schwimmt und ist gut in Pto. Williams angekommen.

Mo – So, 30.Jan-05.Feb 2012 (Seno Pia, Seno Garibaldi)

Die Woche fängt schon mal prima an: Regen, Regen, Regen und noch mal Regen. Dass es noch soviel Wasser im Himmel gibt, wo doch schon über die vielen Wasserfälle jede Stunde eine ganze Menge herunter fließt oder stürzt. Eine Yacht aus Neuseeland läuft in die Bucht und ankert neben uns. Wegen des anhaltenden Regens kommt ein Kontakt mit Karin und Jim von der „Victoria“ erst zwei Tage später zustande, leider. Wir haben die Beiden, die aus Neuseeland nach Chile gekommen sind und praktisch den umgekehrten Weg nehmen wie wir, schnell ins Herz geschlossen und die verbleibende Zeit war viel zu kurz. Zwischendurch tauchen Delphine in der Bucht auf, ziehen ein Paar Kreise und verschwinden dann wieder aus unserem Blickfeld. Auch wenn die Kabelreparatur gestern erfolgreich war, bei durchgehender Bewölkung und Regen helfen auch funktionierende Solarpaneele nichts. Und so dicht unter Land sind wir in der Bucht auch gut windgeschützt, wodurch der Windgenerator arbeitsscheu geworden ist und lieber schläft. So muss der Motor zwischendurch herhalten, um ein bisschen Strom zu spenden, denn wenigstens für ein paar Stunden am Tag brauchen wir die Heizung zum Wärmen. Der Regen vermischt sich immer mehr mit Schnee, kein Wetter für Spaziergänge. Also werden die Kleiderschränke, aber auch die Lebensmittelstauräume ausgeräumt und vom Schwitzwasser befreit, trocken gelegt und neu eingeräumt. Es ist immer wieder erstaunlich, wie viel Kondenswasser sich ansammelt.

Am Dienstagmorgen sind die Klippen ringsum weiß gezuckert, es regnet und schneit weiter den ganzen Tag, es hört einfach nicht mehr auf. Ein Tag zum Faulenzen und Ausruhen, wenn es nur nicht so arschkalt wäre! Also lieber doch ein paar Arbeiten der Bordroutine ausführen, um wenigstens durch Bewegung etwas Wärme zu generieren. Natürlich lassen wir zwischendurch auch mal die Heizung laufen, aber die braucht eben nicht nur Diesel, sondern auch Strom fürs Gebläse. In einer kurzen Regenpause, als es nur noch nieselt, kommt Jim kurz rüber und wir verabreden uns für morgen zu einem gemeinsamen Spaziergang.

Am Mittwoch hat sich der Regen zu einem Nieseln reduziert, zwischendurch spitzt sogar die Sonne durch die Wolken. Noch am Vormittag treffen wir uns am Strand zum Spaziergang mit Jim und Karin. Wir suchen und finden einen schmalen Trampelpfad quer durch Büsche, Sträucher und Bäume, der im Zickzack mal mehr, mal weniger steil nach oben führt. Wohin? Keine Ahnung! Eigentlich sollte ein Weg zum nahen Wasserfall führen, aber dessen Rauschen hören wir schon lange nicht mehr. Von weiter oben überblicken wir die Bucht, doch von Bomika können wir nur die Mastspitze und später den Bug erkennen, der Rest ist von den Bäumen verdeckt. Schließlich machen wir uns auf den Rückweg, der bei dem Steilhang und in dem vom Regen aufgeweichten und vollgesogenen Boden nicht ganz so einfach zu bewerkstelligen ist wie der Aufstieg. Ein paar Ausrutscher bleiben da nicht aus. Immerhin landen wir alle Vier unverletzt und guter Dinge wieder am schmalen Strand bei den Dingis und verabreden uns für später auf einen Umtrunk auf Victoria.

Nach dem Säubern der Stiefel, wechseln in trockene Klamotten und einem schnellen Abendessen besuchen wir unsere neuen freunde auf der „Victoria“ und tauschen fleißig Informationen aus. Da die Beiden herkommen, wo wir hinwollen und umgekehrt, gibt es viel Interessantes zu erzählen, insbesondere gute und freundliche Ankerplätze, die man unbedingt besuchen sollte. Karin und Jim waren ja schon einmal um den Globus, wenn auch auf einer ganz anderen Route. Als wir abends an Bord zurückkehren, ist unser Anker geslipt. Die heftigen Böen, die mittlerweile durch die Bucht gefegt sind, waren wohl zuviel für die kurz gehaltene Kette und den steil abfallenden Grund. Zwei Stunden lang versuchen wir den Anker neu auszubringen, möglichst ohne die Landleinenverbindung zu lösen. Aber das lässt sich letztlich nicht vermeiden, der Wind drückt Bomika immer wieder weg und die Landleinen geben nicht genug Spielraum zum manövrieren. Also lassen wir die Leinen ausrauschen und vergnügen uns mit dem Manöver. Bei dem abschüssigen Meeresgrund klappt das nicht auf Anhieb, die Ankerkette wird zu kurz oder zu lang, aber schließlich passt alles wieder. Die Landleinen werden mit dem Dingi wieder eingefangen und dicht geholt und schon ist Mitternacht längst vorbei.

Am nächsten Morgen ist die Bucht ist voller Eis, jede Menge Eisschollen haben sich gesammelt, aber immerhin ist es keine geschlossene Eisdecke. Schließlich wollen wir heute Morgen weiter, nachdem der Wetterbericht einen halben Tag mit leichteren Winden versprochen hat. Wir legen ab und machen uns auf den Weg zum Seno Garibaldi. Natürlich bleiben die Winde nicht lange handsam, die stürmischen Böen häufen sich und werden am Schluss fast zum Dauerzustand. Unterwegs treffen wir unsere ersten Wale. Erst sehen wir nur den Blas, der viele Meter hoch schießt und vom Wind verweht wird, schließlich tauchen die Minke Whales (Zwergwale) auch auf und einer schwimmt direkt neben uns, keine 2 Meter entfernt! Wobei man sich von „Zwerg“ nicht täuschen lassen darf. Sie sind mit den Blauwalen verwandt, die 18-25m Länge erreichen und selbst die Finnwale werden 18-22m lang, dazu sind eben 10m im Vergleich recht „klein“. Aber vielleicht war es auch tatsächlich ein kleiner Finnwal, denn wir haben seine Länge auf 10-12m geschätzt. Für uns waren es jedenfalls gigantische Ausmaße, sowohl beim Wal als auch auf der „Erlebnis-Skala“. Albatrosse segeln vorbei und runden das Antarktische Bild ab.e_P2022349_thumbe_P2022350_thumb

Als wir die Einfahrt zum Fjord erreichen, hoffen wir auf Schutz vor Wind und Wellen zu finden, doch das soll illusorisch bleiben. Der Fjord ist 8sm lang und die einzigen einigermaßen geschützten Plätze, die auch eine Tiefe aufweisen, die ein Ankern ermöglicht, sind eine geschützte Minibucht, die man nach 8sm den Fjord hinauf erreicht, und ein Fleckchen im Schutz einer kleinen Insel. Erstere hilf uns leider nichts, obwohl sie besser geschützt wäre. Bei dem stürmischen Wind ist es unmöglich, das Boot rückwärts hinein zu manövrieren und auch noch Landleinen auszubringen. Zum Schwojen, drehen oder Manövrieren ist kein Platz und so bräuchten wir unter den vorherrschenden Bedingungen mindestens 3 Personen, um den Versuch wagen zu können. Wir fahren also ein Stückchen weiter zur Isla Pirincho und versuchen dort unser Glück, aber auch nach 6 Ankerversuchen will es uns nicht gelingen, das Heck gegen den Wind näher ans Ufer zu bringen, um eine Landleine auszubringen. Die richtige Entfernung ist schwer einzuschätzen, auf einer Seite warten Untiefen und Versandungen, auf der anderen Felsen. Also erstmal frei ankern, etwas essen und Ruhe, auch wenn wir bzw. Bomika so vom Wind gebeutelt werden, dass von Ruhe oder gar Entspannung keine Rede sein kann. e_P2022376_thumbSelbst einige der Wasserfälle an den Klippen werden vom Wind in einer dichten Gischtfahne verweht, die einen nebligen Schleier vor die Berge legt. Dann probieren wir es noch mal mit der Landleine. Die Ruderaktion gegen Wind und Welle ist schon schwer genug, aber die nachgeschleppte Leine macht ein Vorwärtskommen mit dem Dingi fast unmöglich. Aber eben nur fast. Die Arme schmerzen, aber man darf eben keine Sekunde nachlassen, will man nicht zurück getrieben werden. Nach ziemlicher Anstrengung ist es geschafft, eine Landleine um einen Baum geführt und fest. Zurück geht es einfacher, aber es soll nicht die letzte Tour sein, obwohl es schon schwierig war, nicht an Bomika rudernd vorbei zu treiben. Doch jetzt rächt sich ein schwerwiegender Fehler: zur kurzfristigen Verlängerung der Landleine wurde keine Schwimmleine verwendet. Prompt sinkt sie weit genug ab, um sich zwischen Ruderblatt und Kiel im Bereich des Propellers um den Rumpf zu schmiegen, während sich Bomika am Anker hin und her windet und dreht. Also noch mal ins Dingi, wieder gegenan rudern und dann die Landleine aufgreifen, daran entlang hangeln und das freie (landseitige) Ende befestigen. Somit kann das andere Ende an Bord gelöst und unter dem Schiff durchgezogen werden. Jetzt können wir den Motor anwerfen und damit das Einholen der Landleine unterstützen, um unser Heck in den Wind zu drehen bis wir schließlich mit Heckleine und Buganker gut vertäut liegen und von den Böen hin und her geschüttelt werden, aber ohne die Gefahr auf einem der nahen Felsen zu landen. Der beste oder komfortabelste Liegeplatz ist es nicht. Aber immerhin genug, um sich etwas Schlaf zu gönnen, schließlich fehlt uns eine Alternative. Für den besseren Ankerplatz brauchen wir ruhigeres Wetter, aber wenn das eintrifft, werden wir es sicher für die Weiterfahrt nutzen. Wetterfenster, und seien sie auch nur für ein paar Stunden, sind rar und müssen ausgenutzt werden. Wir beobachten noch einige Zeit die Schiffsbewegungen und die schwankenden Tiefenangaben, die Heckleine und den Anker um den Rest eines unguten Gefühls loszuwerden, holen uns einen aktuellen Wetterbericht und eruieren die weiteren Ankermöglichkeiten auf dem nächsten Streckenabschnitt, und so wird es doch wieder später als gedacht bis uns der Schlaf übermannt.

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Seno Garibaldi

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Der Wecker klingelt uns Freitag um 0300h morgen wach, draußen pfeift der Wind in höchsten Tönen und richtig wach werden wir auch nicht. Die Anstrengungen des gestrigen Tages stecken noch zu sehr in den Knochen. Also nutzen wir doch nicht die gute Wetterprognose für den Vormittag, die ja auch immer ungewiss ist, und schlafen weiter. Während wir später unseren Kaffee trinken, zieht eine Prozession von Eisschollen und –bergen vorbei den Fjord hinunter. Anscheinend hat der Gletscher weiter oben im Fjord gekalbt und seine Kinder auf die Reise geschickt. Regen und Sonne wechseln sich ab, der Regen gewinnt und wird heftiger, dazwischen fauchen Sturmböen durch den Fjord. Wie es wohl draußen im Beagle Kanal zugeht? Delphine schauen vorbei, auch Seelöwen begutachten uns aus sicherer Entfernung. Später kommt ein Schlepper in die Bucht, ankert und setzt ein paar Leute aus, die auf der Insel und am Ufer beim Wasserfall herumwandern. Suchen die vergrabenen Müll, nehmen sie Bodenproben oder studieren sie die Fauna? Wir werden es wohl nicht erfahren und das Rätsel bleibt ungelöst, offen für Spekulationen.

Immer wieder ziehen dunkle Wolken auf und schicken uns zur Kondensfeuchte auch noch ausreichend Nässe von oben. Öfters hören wir den Gletscher grummeln und donnern, der fleißig am kalben ist. Der Wind legt abends wieder zu und die kleinen Wellen schlagen zusammen mit dem Ebbstrom gegen unser Heck. Das führt zu einer Kakophonie in der Achterkabine und hält uns noch lange wach. Vor allem, als Eisbrocken um das Inselchen treiben und gegen unseren Rumpf kratzen, wo sie für eine Zeit am Heck hängen bleiben, bevor sie ihre reise den Fjord hinab fortsetzen. Unter Deck hört sich das schrecklich an, als würde jemand versuchen, von außen den Rumpf mit grobem Werkzeug leck zu schlagen.

Am Morgen sehen wir noch einige Eisberge, die auf der Sandbank in unserer Nähe gestrandet sind und langsam vor sich hin schmelzen. Die Temperatur ist dabei eisig, nur wenige Grad über Null und Wind und Regen tun ihr Übriges, um den „Fühl“-Faktor zu erhöhen. Wir füllen den Dieseltank trotz des grauseligen Wetters aus Kanistern nach. Das dauert seine Zeit, da für die einen die Backskiste halb leer geräumt werden muss um die Kanister heraus zuholen, die anderen müssen von der Reling losgebunden werden. Die Finger werden dabei schnell taub und gefühllos, Regen und Graupel peitschen um den Kopf und zwischendurch ist ein aufwärmen im ebenso wenig warmen, aber immerhin geschützten Cockpit nötig. Das ganze Wochenende geht so dahin mit Regen, Graupel, Schnee und stürmischen Wind, nur sehr kurz blinzelt ab und zu die Sonne durch die Wolken, um gleich wieder zu verschwinden. Anscheinend gefällt ihr das Wetter, das sie sieht, auch nicht recht oder die tief hängenden grau-schwarzen Wolken wollen ihre Vorherrschaft nicht aufgeben. Nachdem es draußen so ungemütlich ist, nutzen wir die Zeit und reinigen die Vorfilter der Entsalzungsanlage mit mehreren Spülgängen und einer alten Zahnbürste zum vorsichtigen Schrubben der papiernen Lamellen. Wir gönnen uns einen Filmnachmittag und beantworten Emails. Alle paar Stunden müssen wir die Heizung anschalten, da es sonst auch in der Kajüte unerträglich kalt wird. Die Kälte nimmt uns von oben und vom Boden her in die Zange, von oben tropft auch noch das Kondenswasser herunter. Wie sehnen wir uns nach der tropischen Wärme der Karibik oder ähnlicher Plätze! Wir dürfen gar nicht daran denken, welch langer Weg uns noch bevor steht, ehe wir wieder wärmere Gefilde erreichen.

Mo – So, 16.-22.Jan 2012 (Puerto Williams, Cta.Victor Jara)

Zum Beginn der Woche haben wir ja für heute einen ausgedehnten Spaziergang ins Landesinnere geplant. Aber wie so oft, kommt es erstmal anders. Sibel und Osman wollen entweder heute oder auch morgen auslaufen. Bevor wir uns auf den Weg machen, wollen sie daher vorsichtshalber umparken und sich außen ans Päckchen legen. Doch bereits kurze Zeit später, gerade als ich mich auf dem königlichen Thron der Kloschüssel niedergelassen habe, muss es gleich sein. So ein Sch…, nicht mal ruhige 5 Minuten sind einem vergönnt, wegen nichts und wieder nichts. Erst weiß Osman noch nicht, wann er los will, dann hat es keine 2 Minuten Zeit. Und ich dachte immer, Türken sind nicht so hektisch und eher südländisch geeicht – denkste, Puppe! Unseren Spaziergang müssen wir trotzdem noch verschieben, denn die „Alkyone“ läuft wieder ein, nach erfolgter Kap Hoorn Umrundung. Hans kommt noch bei uns vorbei, Herbert folgt kurz nachdem sich Hans verabschiedet hat. So eine Bavaria in Patagonien macht anscheinend neugierig. Nach dem Verabschieden und einer verspäteten Morgendusche fehlt nur noch das Frühstück, das durch eine späte Brotzeit ersetzt wird. Bis wir endlich los kommen, ist ½ Zwei bereits durch, aber die geplante Route sollte ja auch nicht mehr als 4 Stunden, bei langsamer Gangart und Pausen zum Knipsen also auf jeden Fall unter 6 Stunden dauern. Also kein Problem, wenn es erst nach 23.00h anfängt, dunkel zu werden.

Die ersten Kilometer geht es auf einer Schotterstrasse entlang. Unterwegs kommen wir an einer Ermita vorbei – keine Einsiedelei, sondern eine kleine Marienkapelle mit geschnitzten Dankestafeln und bemalter Dachpfanne, eben mit einfachen Mitteln liebevoll ausgestattet. Auf einer Lichtung mit abgestorbenen Bäumen treffen wir eine Art Falke, der sich auf einem der kahlen Baumstämme kurz niederlässt.e_P1161991e_P1161998

Das Rauschen des Wassers wird lauter als wir am Wasserreservoir ankommen, das von Bergflüssen gespeist wird und die Wasserversorgung der Stadt sicherstellt. Hier hört auch die Schotterstrasse auf. Niemand ist da, alles ist verlassen und wir können uns frei bewegen. Eine Wandertafel verspricht, dass es nur 3 km bis zum Cerro Banderas sind, doch wie sich herausstellen soll, ist das wohl die Untertreibung des Jahrhunderts. Tatsächlich sollte man für den einfachen Weg eher 5 Stunden einplanen. Doch beim Weitermarschieren durch den Wald am Rand des Gebirgsbaches ahnen wir noch nichts davon.

e_P1162010Im Flussbett sehen wir einen Stein mit geometrischen Figuren – ein Kreis wie ein Ring und daneben eine Herzform, die uns faszinieren, auch wenn wir nicht gerade Hochzeitsjubiläum feiern. Der Pfad ist teilweise ein gut erkennbarer Trampelpfad, manchmal aber auch sehr schwer zu erkennen. Umgeknickte Bäume liegen quer drüber, manchmal ist auch das Dickicht so dick, dass ein Pfad kaum zu erahnen ist. Wir sind dann jedes Mal froh, wenn nach einiger Zeit eine der Markierungen für den Wanderpfad – zwei blaue Streifen – auftaucht. Der Bergbach gestaltet sich nicht minder interessant, mal träge dahin fließend, mal recht reißend über Steine purzelnd. Einige Biberdämme sorgen für ein Aufstauen im Bachlauf, an anderer Stelle liegen abgestorbene, entrindete und gebleichte Baumleichen kreuz und quer im und um das Bachbett.

e_P1162442e_P1162463Unterwegs finden wir manche merkwürdige Auswüchse der Natur: einen knallorangen Golfball, dessen Geschwister noch als Schmarotzerpflanze am Baum hängen oder einen Totenschädel mit seinen leeren Augenhöhlen, der sich als Simpler Stein entpuppt. Manche Baumstämme schlagen Kapriolen oder Saltos und bilden einen Looping. Wir glauben allerdings nicht, dass sie aus einem Baumschulen-Zirkus stammen; eher sind sie wohl von den Naturgewalten und kräftigen, andauernden Winden in einer Wachstumsphase gebeugt worden, bevor sie ihre Krone wieder himmelwärts richten konnten. Der Boden ist übersäht mit Wurzeln, aber oft auch recht moosig und nachgebend. Teilweise ist der Boden richtig ausgehöhlt und man muss aufpassen, nicht einzubrechen. Unter einer Baumwurzel wird das Ausmaß der Unterhöhlungen sichtbar, ansonsten sieht man nur vereinzelte Durchbrüche, die von Hufen herrühren. Oder sind es übergroße Mauselöcher? Deutlicher sichtbar sind dagegen die morastigen Stellen. Je weiter wir kommen, desto mehr Bächlein durchziehen die Landschaft und sorgen für eine sumpfige Unterlage, bewachsen mit allerlei Grün. Auch eine „Isartaler Ausrutsche“, die uns an die Floßlände denken lässt, gibt es, wie die Spuren beweisen. Wasserfälle und Katarakte tauchen im Flusslauf auf, je höher wir steigen, dessen Rauschen die Luft erfüllt. Zwischendurch werden die „Dientes“ gut sichtbar. Diese Felszacken erinnern wirklich an die Zähne eines Gebisses, brav aneinander gereiht und nicht gerade durch eine Zahnspange gebändigt. Nachdem wir über unzählige Wurzeln gestolpert, zwei Lichtungen überquert, uns durch dichtes Gestrüpp gezwängt, viele Sumpflöcher umgangen und die (meist sanften) Steigungen überwunden haben, gelangen wir an einen wunderschönen See.

Die Sonne steht noch hoch, aber es ist bereits 1830h und Zeit umzukehren. Dabei würde der Weg noch wenigstens 1 Stunde weiter gehen bis zur Laguna del Salto und der Cerra Bandera, wo der nächste Pfad für einen alternativen Rückweg wäre. Doch unbekannte Wege, die schwer zu finden sind bei einbrechender Dunkelheit anzugehen – das Risiko wollen wir nicht eingehen und lieber bei Tageslicht den Club Micalvi erreichen. Wer kann schon sagen, wie der andere Pfad beschaffen ist, wie lange er dauert und wie viele Höhenmeter zu überwinden sind? Außerdem sind 8 Stunden Fußmarsch durchaus genug, Hüfte, Knie und Fußsohlen machen sich unangenehm bemerkbar und wir sind froh, als wir von einer Anhöhe den Beaglekanal wieder sehen. Die staubigen und vom getrockneten Schlamm verdreckten Schuhe lassen wir gleich auf dem Dock stehen und freuen uns auf ein kurzes Abendessen. Die großen Bierflaschen dazu helfen, die trockenen Kehlen wieder zu befeuchten, bevor wir mit schmerzenden Muskeln und Gelenken in die Koje fallen.

Langsam leert sich der Club immer mehr. Gestern ist „Uzaklar“ noch vor unserer Rückkehr ausgelaufen, heute folgen die Engländer, die Norweger sind auch weg und unsere Französischen Nachbarn wollen morgen in aller Früh aufbrechen. Nach den gestrigen Anstrengungen haben wir so lange wie noch nie geschlafen und sind erst gegen 1030h aus den Kojen gekrochen. Wir füllen einen unserer Wassertanks und spritzen das Deck ab, um zumindest den gröbsten Staub und Dreck wieder los zu werden. Einen Teil unserer Wäsche liefern wir bei Dennis ab, einem hier ansässigen Franzosen, der den Seglern diesen Service angedeihen lässt. Daneben ist noch Einkaufen angesagt und auf dem Weg in die Stadt kommen wir an den Wildpferden vorbei, die sich jeden Tag einen neuen Standplatz zum Grasen suchen und von vorbeitrabenden Touris und anderem Volk nicht aus der Ruhe bringen lassen. Wir ergattern noch einige schmackhafte Leckereien im Supermarkt „Simon & Simon“, nachdem das Versorgungsschiff ja nur einmal wöchentlich kommt – sofern es das Wetter erlaubt. Prompt lässt der junge Simon unsere Waren kurz darauf an Bord liefern und wir sparen uns die Schlepperei. Irgendwie steckt uns die gestrige Anstrengung ja doch noch in den Knochen. Im Yachtclub gibt es wieder Bewegung, weitere Yachten kommen, andere gehen und schließlich sind wir von unserer Außenposition im mittleren Päckchen bis zur Innenposition im vorderen Päckchen gewandert. Unsere Nachbarn wechseln wenigstens täglich und unsere Bordtiger freuen sich, dass sie nun auch direkt auf den „Pier“, den alten Dampfer „Micalvi“, springen können.

Die nächsten Tage vergehen mit Kleinarbeiten, die uns nichts desto trotz auch aufhalten und beschäftigen. Bilgen ausräumen, putzen und neu einschlichten, Logbuch schreiben, Bilder beschriften und ins Internet laden, an der DVD arbeiten. Nebenbei lernen wir weitere Leute kennen: den Einhandsegler Hans, der mit seinem Schiff „Yorikke“ in Kanada gestartet ist und nun hier Patagonien unsicher macht, Manfred aus Weilheim, der als Skipper die „Santa Maria“ nach Uruguay bringen soll aber deren beide Motoren nicht richtig funktionieren, Oswaldo und Jutta von der Deutschen Yacht „Polarwind“ mit ihrem Sohnemann, die wir in Ushuaia schon kurz getroffen haben, eine russische Crew mit Ihrer großen Najad-Yacht „Willow Winds“ und auch Natcho / „Chico“ mit seinem Matrosen Roberto als Skipper der „Endurance of Antarctica“, eine 60ft Halberg Rassy, die er von Europa nach Puerto Williams überführt hat. Und weil ein Name ja verpflichtet, befindet sich an Bord auch Miss Chippy schlafend in einem Körbchen. Natürlich nicht wirklich lebendig, denn die Zeiten des Ernest Shackleton und seiner “Endurance“ sind ja längst vorbei, aber immerhin mit Echtheitszertifikat und Lebensgeschichte. Auch die „Kleiner Bär“ mit Werner, Lucia und ihren beiden Kindern treffen wir wieder, leider aber erst am Abend bevor wir auslaufen, so dass wir kaum Zeit für eine Unterhaltung hatten. Dafür treffen wir mit Natcho am Mittwoch Abend in der Club-Bar zusammen und unterhalten uns vortrefflich. Natcho erzählt uns vieles aus seinem Leben und wir philosophieren ein bisschen über das Leben und die sozialen Zusammenhänge, besonders in Chile im Vergleich zu anderen Teilen der Welt. In der Bar hinterlassen wir eine bayerische Fahne als Andenken an unseren Besuch in Puerto Williams, die unter den anderen Fahnen und Wimpeln aus der ganzen Welt einen guten Platz bekommt.

Eigentlich wollen wir am Donnerstagnachmittag auslaufen, da der Wind dann nachlassen soll und in der Regel am Abend bzw. in der Nacht ziemlich abflaut. Doch Lisa kann sich nicht recht aufraffen, Puerto Williams schon zu verlassen und so vertagen wir die Abfahrt auf Freitagmorgen. Am Donnerstag wird also der Liegeplatz und der Strom bezahlt und die Behörden aufgesucht, um die Zarpe zu bekommen. Da die Aufenthaltsdauer in Chile auch für das Schiff zunächst auf drei Monate beschränkt ist und wir mehr Zeit bis zur Ankunft in Puerto Montt eingeplant haben, besuche ich auch die Zollbehörde und bekomme dort eine Email-Adresse, unter der ich von unterwegs die Verlängerung beantragen kann. Für uns selbst sollte es kein Problem sein, da die Grenze zu Argentinien in Puerto Natales nicht weit ist und eine kurze Busfahrt hin und zurück für die Verlängerung unserer Visa ausreicht.

e_P1192465e_P1192466Abends laden wir Natcho und Roberto zu uns aufs Schiff für ein gemeinsames Abendessen. Für vier Leute werden die Portionen etwas klein, aber mit dem Salat dazu gerade ausreichend. Danach besuchen wir noch Dennis und Mike auf der „Landfall“, die ihren Ausflug zur Antarktis wegen des schlechten Wetters mit gerissenem Segel abbrechen mussten. Besonders Dennis fällt es schwer, das ersehnte Ziel nicht erreicht zu haben und mit Bier und Wein wird die Betrübnis aufgelockert, bevor wir mal wieder viel zu spät in die Koje fallen.

Am Freitagmorgen um 0500h sind wir aus den Kojen und trinken Kaffee, eine ½ Stunde später wird der Motor angeworfen und unsere Argentinischen Nachbarn wach geklopft, schon verlassen wir Puerto Williams und melden uns über Funk bei der Küstenwache ab. Der Wetterbericht verspricht nicht ganz so ruhiges Wetter wie gestern Abend, aber auch nichts Wildes. Als wir noch keine 2 Stunden unterwegs sind, werden die Meteorologen aber Lügen gestraft und wir kriegen es auf die Mütze! Der Wind pendelt sich bei 25 bis 30 Knoten ein, die Wellen kommen uns steil und brechend entgegen und Bomika stampft fleißig gegenan. Immer wieder kracht der Rumpf in ein Wellental und Wassermassen und Gischt spült über das gesamte Deck bis übers Cockpit und spült die Seitendecks entlang. Das Schiebeluk ist den Wassermassen nicht ganz gewachsen und was nicht richtig in den dafür vorgesehenen Kanälen und Rinnen abläuft, schwappt in den Salon. Die Pfütze zwischen Navigation und Küche wird immer größer, die Bilgen mit unseren Lebensmitteln schauen bestimmt nicht besser aus. Dabei bemerken wir auch, dass eine der kleinen Oberluken nicht richtig geschlossen ist und somit die Salonpolster und Kissen auf einer Seite ebenfalls Salzwassergetränkt sind. Die wieder trocken zu kriegen, wird eine aufwendige Sache werden, vor allem ohne wärmende Sonne. Sollen wir umkehren oder weiter fahren? Auf unserem weiteren Weg werden wir meistens den Wind und auch Strömung gegen uns haben und so fällt es uns schwer, die bereits geschafften Meilen wieder herzugeben. Immerhin kommen wir ja vorwärts und so machen wir weiter, bis wir mittags in die Bahia Honda abbiegen und uns dort zwischen den Inseln und Inselchen in der Caleta Victor Jara unseren Anker werfen.

Wir sind müde und gleichzeitig auch hungrig, da das Frühstück bisher ausgefallen ist. Der Wind pustet auch hier recht kräftig durch, aber es bilden sich nur kleine Miniwellen, die uns nichts anhaben können und sich kaum bemerkbar machen. Wir melden uns kurz bei der Küstenwache über Funk, schlingen eine kleine Brotzeit hinunter und verschwinden in der Koje, um noch Schlaf nachzuholen. Schließlich war der letzte Abend doch recht lang und weinselig.

e_P1212083In der Abendsonne, die sich kurz blicken lässt, leuchten die Steine am Ufer in der Höhe der Flutgrenze ockergelb, als hätte sie jemand angestrichen.

e_P1202076Die wenigen Bäume um uns herum präsentieren ihre Kronen mit einer „Drei-Wetter-Taft“ Frisur, wie man sie aus der Fernsehwerbung mit Veronika Pooht kennt, als ein Lastwagen an ihrem Cabrio vorbei donnert. Weiter im Hintergrund ragen Berggipfel auf, die in den Sonnenstrahlen blau und weiß glitzern.e_P1202078e_P1212084

Am Samstag ist es leider ziemlich bedeckt, dazu pfeift der Wind unvermindert um unsere Ohren. Nicht gerade prickelndes Wetter zum Anlanden und um einen Landausflug zu machen. Also sind erstmal Reinigungsarbeiten angesagt und Lisa macht sich an die überschwemmten Bilgen. Sonne und Wärme wären hilfreich zum Austrocknen, bleiben uns aber Beide versagt. Es bleibt stürmisch, den Ruderwettbewerb mit dem Dingi an Land verkneifen wir uns, auch wenn wir das gegen den Wind schaffen sollten und bleiben an Bord. Auch am folgenden Tag ändert sich nichts, auch wenn die dichte Wolkendecke zwischendurch für ein paar Minuten aufreißt. Unser „Schlauchpaket“, d.h. unser zusammengepacktes Schlauchboot, das wir vor dem Cockpit verschnürt haben, verlegen wir nach achtern. Dadurch haben wir eine freie Sicht durch unseren Scheibenaufbau, was in den Kanälen sicher hilfreich sein wird. Als Unterlage verwenden wir unsere Laufplanke, die wir über die achteren Doradelüfter legen und fest bändeln. Eine einfache, aber durchaus langwierige Aufgabe, denn erst müssen die Dieselkanister losgebunden werden, um an die Laufplanke zu kommen, eine andere Spiere an der Seite fest gelascht und die Dieselkanister daran wieder angebunden werden. Auch die Lösung der Verschnürungen an Schlauchboot und Abdeckung nimmt ziemlich Zeit in Anspruch, ebenso die feste Vertäuung am Heck, damit bei stürmischen Wind und See auch nichts verrutschen oder sich lockern kann. Wir hoffen auf etwas weniger Wind in den nächsten Tagen, ggf. planen wir eine Nachtfahrt, um schwächeren Gegenwind zu nutzen.

 

Mo – So, 23.-29.Jan 2012                                                                                   (Cta.Victor Jara, Cta. Ferrari, Cta. Olla, Seno Pia)

Die neue Woche begrüßt uns mit starker Bewölkung, zwischendurch Regen und eisigem Wind. Alles zusammen, doch vor allem der Wind sorgt für eine leicht depressive Stimmung, während er unseren „Quirl“, den Windgenerator, zu immer höheren Drehzahlen antreibt. Der Duft von frisch gebackenem Brot zieht durch die Kajüte und vermittelt dagegen ein heimisches Gefühl von Geborgenheit. Nachmittags wagen wir einen kurzen Landausflug. Die Gegend erinnert uns sehr an Kroatien mit seinen Inselchen, den kargen und teilweise niedrig begrünten Felsen. Hinter dem nächsten Hügel soll ein Flüsschen die Bucht mit einem See verbinden. Als wir den Hügel besteigen, sehen wir nicht nur einen, sondern gleich mehrere Seen, das Flüsschen liegt jedoch recht trocken bei Ebbe und zeigt seine gelben und roten Markierungen der Hochwasserlinie. Wir schauen über den Beagle Kanal und sehen Ushuaia, das direkt gegenüber liegt. Doch bereits auf dem niedrigen Hügel pfeift uns der kalte Wind so eisig um die Ohren und legt auch noch kräftig zu, dass wir bald kehrt machen und zurück auf die Bomika rudern. Neue Wetterdaten werden abgerufen und studiert. Hauptsächlich starker Westwind ist angesagt, meist nur kurz unterbrochen für ein paar Stunden in der Nacht. Wirkliche Besserung verspricht erst das Wochenende.

Auch der Dienstag bringt keine Veränderung. Die Schaukelei im Wind und die kleinen Wellen mit ihren Mini-Schaumkämmen in der Bucht sorgen eher für Unwohlsein als für einen Arbeitsdrang, für einige Bordarbeiten raffen wir uns trotzdem auf. Als am Nachmittag der Wind nachlässt und die Schaumkronen verschwinden, holen wir kurz entschlossen den Anker hoch und laufen aus. Wenn es nicht zu heftig wird, können wir Caleta Olla, unser nächstes Ziel, gerade noch vor Dunkelheit bis 2300h Abend erreichen. Doch wir sind noch keine Stunde unterwegs, da legt der Wind bereits zu und die See wird immer ruppiger. Wir hoffen weiter auf eine Beruhigung und wollen nicht gleich wieder umkehren, doch der Wind pendelt sich bei 25 bis 30 Knoten ein mit Böen gut darüber. Die Wellen sind kurz und steil, der Bug taucht immer wieder tief ein und schaufelt Wassermassen übers Deck, gepaart mit Sprühender Gischt, die der Wind von den Wellen neben uns reißt und über das Cockpit verteilt. Unser Vorwärtskommen ist entsprechend verlangsamt, anstatt der anfänglichen 5,5Kn geht es mit nur 2 bis 2,5Kn voran, da helfen auch keine paar extra Umdrehungen der Maschine. Dass wir es so nicht bis zur Caleta Olla schaffen, ist klar. Die Frage ist nur, bis in welche Bucht? Zwischendurch kommt Äolus aus der Puste, geht runter auf 18 bis 20 Knoten und lässt uns hoffen, doch kaum ist der Gedanke an eine mögliche Wetterbesserung aufgekeimt, wird er durch das erneute Aufbrausen des Windgottes erstickt. Wir entscheiden uns schließlich für die Caleta Ferrari tief in Fjord Yendegaia. Die liegt in etwa auf halber Strecke und bis zum Einbruch der Nacht können wir es schaffen. Die Selbststeueranlage kommt bei der langsamen Fahrt, den Wellen und Wind immer zu weit ab vom Kurs und so steuern wir per Hand während Bomika die Wellen auf und ab reitet. Es ist wie auf einem wilden Schaukelpferd, das immer wieder über den Anschlag hinaus wippt. Aber nach über 5 Stunden ist auch ein noch so schönes Schaukelpferd nicht mehr interessant und man will endlich aufhören. Der Blick westwärts den Beagle Kanal hinunter ist atemberaubend, auch wenn die Sonne noch recht hoch hinter den Wolken steckt und die Reflexionen auf dem Wasser die Augen erblinden lassen. Bei Sonnenuntergang bestimmt ein tolles Bild, das wir uns aber versagen, denn vorher biegen wir in den Fjord ein. Je weiter wir den Yendegaia hochfahren, desto weniger Wellen und auch Wind. Bis zum Ankerplatz sind es gute 5 Seemeilen und am Ende des Fjords leuchtet ein weißer Gletscher zwischen den hohen Berggipfeln. Unterwegs schwimmen Magellan Pinguine um uns herum, die meisten Tauchen ab, sobald wir näher kommen, aber ein paar bleiben wagemutig an der Oberfläche und schwimmen mit ein paar Flügelschlägen neugierig im Kreis herum. Doch zum Fotografieren ist jetzt keine Zeit. Wir kommen gerade im letzten Büchsenlicht an und drehen unsere Ehrenrunde zum Ausloten bevor wir unser Eisen in die smaragdgrüne Tiefe versenken. Danach wird es dunkel, die Wolken verbergen den ziemlich vollen Mond und wir genießen noch ein kleines Abendessen, einen Gute-Nacht-Drink und fallen in seligen Schlaf.

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Mittwoch und Donnerstag vergehen mit Wind und Regen, abgesehen von ein paar nächtlichen Stunden sind stürmische Winde angesagt, die entsprechend unserer wenigen Erfahrung im Kanal meist doppelt so kräftig auftreten. Pläne für die Weiterfahrt noch vor Sonnenaufgang lassen wir daher fallen und werden am Donnerstagnachmittag dafür mit einer Überraschung belohnt: ein Segler biegt ums Kap, der verdächtig nach Katamaran aussieht und tatsächlich, es ist die „Inspirity“ mit Oliver und Delilah! Das Wiedersehen wird nicht nur mit Sekt begossen, sondern auch mit feinem Rinderbraten und krossen Bratkartoffeln an Bord des Katamarans gefeiert.

Gemeinsam machen wir am nächsten Tag eine Wanderung durch die Wiesen und über die Hügel, folgen dabei den Trampelpfaden der Pferde, die regelmäßig ihr offenes Gatter verlassen und durch die Gegend ziehen, solange sie nicht von den Hunden oder einem der Gauchos zurück getrieben werden. Die Estancia macht einen eher ärmlichen Eindruck und bietet nur das Notwendigste zum Wohnen. Ihre hölzerne Hütte, die man kaum als Haus bezeichnen kann, hat meist nur einen großen Raum, der nur das notwendigste bietet. Zum heizen ein Ofen, Strom durch einen Generator, der bei Bedarf angeworfen wird. Ein kleines Gemüsebeet für frischen Salat, soweit es die Saison erlaubt und nur selten kommt ein Versorgungsschiff vorbei. Der rote Tiger unter der Holzbank vor der Hütte lässt sich von uns nicht in seinem Schönheitsschlaf irritieren. Anscheinend hat er sein Soll in der Ungeziefer-, Mäuse- oder Rattenjagd für heute bereits erfüllt. Unsere Tita hätte nie die Ruhe aufgebracht, solange da noch Schuhbänder vor der Nase herunter hängen. Unterwegs begegnen wir noch einem Stierkalb, das an einem Baum angebunden ist und bei unserem Anblick trotz des gebührlichen Abstandes leicht in Panik gerät. Doch irgendwie ist der Baumstamm nicht dick genug, um sich ganz dahinter zu verbergen. Von einem Hügel im hinteren teil der Bucht aus sehen wir den Gletscher, allerdings ist seine obere Hälfte weiterhin Wolken- und Nebelverhangen. Manchmal führen uns baufällige Brücken über Flüsschen, manchmal muss es ein herzhafter Sprung über die Steine sein. Oliver und Delilah, die im Gegensatz zu uns mit hochschaftigen Gummistiefeln ausgerüstet sind, lassen es sich nicht nehmen, uns mittels großer Steine Tritthilfen in den Bach zu legen, damit unsere Wanderstiefel in dem klaren Bergwasser nicht gleich durchnässt werden.

Aber auch eine unangenehme Erfahrung beschert der Ausflug: mir werden Hörner aufgesetzt! Nicht von meiner Holden, sondern von den Moskitos, die wir hier eigentlich überhaupt nicht erwartet haben. Meine Stirn zieren entsprechende Beulen, die rechte Hand schwillt an, weitere juckende Stiche an Hals, Handgelenken und Waden. Es sollen noch Tage vergehen, bis der fürchterliche Juckreiz und die Schwellungen zurückgehen. Alle anderen werden weitgehend verschont, anscheinend schmeckt mein Blut eben am besten.

Die „Polar Wind“ von Oswaldo und Jutta läuft am Nachmittag ein und hat anscheinend weitere Crew dabei. Sie stürzen sich gleich auf einen kurzen Landausflug mit dem Dingi und winken kurz herüber. Anscheinend sind sie ziemlich in Eile, denn am nächsten Morgen sind sie bereits wieder verschwunden. Wir sitzen derweil am Abend auf „Inspirity“ noch mal zusammen, wer weiß, wann wir uns das nächste Mal wieder begegnen? Ein Abschiedstrunk und Spaghetti al Pesto runden den Abend ab.

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 unser neuer Steuermann passt auf

Am Samstag heißt es Abschied nehmen,„Inspirity“ macht sich auf den Weg nach Puerto Williams und etwas später sind auch wir unterwegs zur Caleta Olla, unserem nächsten Zwischenstopp. Der Wetterbericht verspricht uns bis Montagvormittag ruhiges Wetter, das wir ausnutzen wollen, um weiter zu kommen. e_P1282169e_P1282184

Natürlich bläst es zwischendurch doch immer wieder ganz schön ins Gesicht und die Wellen, die sich dem schnellen Wetterwechsel in dieser Ecke der Erde angepasst haben, bauen sich hier sehr schnell auf. Das lässt „Bomika“ heftig stampfen und verringert unsere Fahrt beträchtlich von knapp 6 auf 2-3 Knoten, dafür wird der Dieselverbrauch erhöht. Trotzdem wird die Landschaft immer schöner, die Gletscher größer und rücken immer näher, unzählige Wasserfälle stürzen sich von den Klippen und durch das dicke Grün in den niederen Bereichen. Kormorane, Pinguine und Albatrosse kreuzen immer wieder unseren Weg und sorgen für lebendige Abwechslung vor dem grandiosen Hintergrund.

Für den Sonntag steht bei uns viel auf dem Programm, nämlich neben der Weiterfahrt durch den Brazo Nordoeste (nordwestlicher Arm des Beagle Kanals) in den Seno Pia eine Gletschertour per Schiff in beide Seitenarme des Y-förmigen Fjords. Damit wir das auch sicher und gesund packen, gibt es zum Frühstück reichlich Proteine. Im Gegensatz zur Landessitte aber nicht in Steakform, sondern durch in Milch ertränkte kleine Krabbeltierchen. Die Viecher hatten sich im Müsli versteckt, trotz originaler Stanniolverpackung. Da fragt man sich, wo und unter welchen Bedingungen das eigentlich abgefüllt wurde. Natürlich wird das ruhige Wetter entgegen der Vorhersage zwischendurch wieder grob, aber solche Unliebsamkeiten kennen wir inzwischen ja schon zur genüge. Immerhin hält es sich in Grenzen und bleibt unter der 30-Knoten Marke. Die Einfahrt vorbei an der teilweise überspülten Barre, einer alten Gletschermuräne, gelingt Dank dem ausführlichen Handbuch unserer Italienischen Freunde Giorgio und Mariolina problemlos. Wir segeln erstmal durch den Westarm des Seno Pia. Je weiter wir uns dessen Ende nähern, desto mehr Eisbrocken in verschiedensten Formen und Skulpturen treiben an uns vorbei. Zweimal kracht es am Rumpf, als wir einen Brocken, der sich kaum über der Wasseroberfläche zeigt, übersehen, bevor wir das Ende erreichen und die beiden Gletscher, die sich ins Meer ergießen, aus der Nähe bewundern können. Ringsum steile Klippen, an denen Wasserfälle sich in die Tiefe stürzen, dahinter die schneebedeckten Gipfel der Darwin Kordilleren. Immer wieder verdecken Nebelschwaden und dunkle Wolken die Gipfel, aber zwischendurch machen sie Platz für blauen Himmel, um für unsere Fotos zu Posieren.

Danach geht es zurück, bis wir in den ostarm einbiegen können, in dem sich auch unser Ankerplatz verbirgt. Hier fahren wir zwar nicht bis zum Ende, sondern nur bis zum ersten Gletscher, aber der Anblick ist atemberaubend. Gerade als wir den Gashebel vorwärts schieben und Richtung Ankerplatz tuckern, fallen heftige Böen über uns her und lassen nichts Gutes ahnen. Doch als wir in der Bucht ankommen und unser Eisen versenken, ist vom Wind nicht mehr viel zu spüren. Dafür hat Regen eingesetzt, während wir das Beiboot fertig machen, um die Landleinen auszubringen. Nach einer guten Stunde ist es geschafft, wir liegen sicher vertäut mit Blick auf den Gletscher und die vorgelagerte Halbinsel sowie die schützenden Bäume im Rücken.

Unterwegs hatte ich bereits festgestellt, dass die Solarpaneele nicht richtig arbeiten, bei der Ursachenforschung ein angeschmortes Kabel entdeckt und kurzerhand die Paneele abgeklemmt. Nun ist es Zeit, sich an die Reparatur zu machen und die beschädigten und verschmorten Kabel und Verbindungen zu erneuern. Danach funktionieren die Solarpaneele wieder normal, die Gefahr von Kabelbrand ist gerade noch rechtzeitig gebannt und wir müssen hoffentlich den Motor etwas weniger zur Energiegewinnung nutzen.

Mo – So, 09.-15.Jan 2012 (Ushuaia, Puerto Williams)

Damit es eine „saubere“ Woche wird, nehmen wir das Angebot von Dennis und Mike natürlich an und so stehe ich am Morgen mit unserer Wäsche am Steg, Dennis leistet mir bei einem Plausch Gesellschaft während Mike den Mietwagen abholt. Dann kann es losgehen zur Wäscherei. Während die Land Fall Crew ihre weiteren Besorgungen mit dem Auto erledigt, marschiere ich zu Fuss in die Stadt und zur Post. Dort empfängt mich eine Warteschlange bis auf die Strasse hinaus, in die ich mich brav einreihe. So kann ich eine Stunde lang die 3 Schalter beobachten, hinter denen Beamten-Mikado gespielt wird. Aber das ist nicht ganz wahr, denn schließlich haben sie in der Stunde eine recht lange Menschenschlange abgefertigt. Kein Wunder, dass viele Argentinier und Indios so klein sind, wenn sie sich dauernd die Beine in den Bauch stehen müssen. Dafür sind die Briefmarken recht groß, von denen jeweils zwei auf die kleine noch freie Fläche sollen, ein Ding der Unmöglichkeit. Entweder wird die Adresse oder der geschriebene Text zugeklebt. Bis ich am Club zurück bin, ist es bereits 1200h und der Marinero macht Pause bis 1600h. Er setzt mich trotzdem noch über und verspricht auch, gegen 1430h wieder vorbei zukommen, um uns wieder an Land zu bringen. Nachdem wir nicht wissen, wie viel Zeit das Ausklarieren in Anspruch nehmen wird und andererseits unsere Wäsche spätestens um 1730h abgeholt werden muss bevor die Wäscherei schließt, wäre es zur „regulären“ Arbeitszeit des Marinero sicherlich zu spät. In der Prefectura herrscht Hochbetrieb und wir müssen warten, dann geht aber alles recht einfach und schnell. Die Immigration wird gleich mit erledigt und danach noch zum Zoll. Wir brauchen nur eine Kopie des Formulars von der Prefectura dort abgeben, der Beamte wünscht uns eine gute Fahrt und drückt uns die Hand – das war’s. So bleibt uns noch etwas Zeit, um im Internet Emails und Wetterdaten herunter zuladen, dann bin ich mit Mike auch schon wieder unterwegs, um unsere Wäsche wieder abzuholen.

Kaum zurück im Club, wartet Ilona schon mit Lisa auf die Überfahrt zu Bomika. Neben einem sündigen Wein (er nennt sich laut Label tatsächlich so) bekommen wir einen kleinen Plüschpinguin zum Abschied als zusätzliches Crewmitglied. Wir verbringen einen feuchtfröhlichen Abend, bis Paolo mit dem Dingi vorbeikommt und Ilona wieder abholt. Für einen Drink hat er leider keine Zeit.e_P1092293e_P1092294

 

 

 

Am Dienstag nach dem Morgenkaffee wird mal wieder die Machete gezückt, um unsere Ankerkette vom großen Kelp Bündel zu befreien. Der Himmel ist bedeckt, das Baro ziemlich im Keller und leichter Regen tröpfelt von Zeit zu Zeit auf uns hernieder. Wir melden uns über Funk noch mal bei der Prefectura ab und setzen die Genua, die uns bei Rückenwind gut vorwärts treibt. Allerdings hält der Wind nichts von Schlankheitskuren und Diäten sondern nimmt ganz schön zu. Die dazu gehörigen achterlichen Wellen gepaart mit heftigen Böen drücken Bomika immer wieder ganz schön aus dem Kurs und für einige Zeit müssen wir per Hand steuern. Das geht ganz schön in die Arme, wir sind eben bereits viel zu verwöhnt von unserer Windfahnensteuerung „Horst“ oder dem elektrischen Gegenstück „Gustav“. Dafür pendelt unsere Geschwindigkeit zwischen 7 und 8 Knoten Fahrt plus einem Halben Knoten Schiebestrom. Das bleibt aber nicht immer so, zwischendurch geht Äolus auch mal die Puste aus und er säuselt nur noch mit 6-8 Knoten, nicht viel von achtern. So relativiert sich unsere Rauschefahrt, trotzdem schaffen wir die Strecke in nur 5 Stunden.

Wie so oft, war das Ankommen das Schwierigste. Wir haben erst versucht, im Seno Lauta, einem Flüsschen gleich neben der Bucht, in der der südlichste Yachtclub der Welt „Micalvi“ liegt, zu ankern. Beim ersten Mal kamen wir am Ende der Kette zu nah ans Ufer, beim zweiten Mal klappte es besser – zumindest solange der Wind nicht dreht. Doch bei dem kräftigen Wind wird es schwierig, über die Bucht an Land zu kommen, sei es zum Einklarieren oder für Ausflüge. Die nächste Überlegung war, dass für die nächsten Tage ab Donnerstag stürmische Winde vorhergesagt wurden, was es noch schwieriger macht und uns an Bord fesselt, anstatt den Ort kennen zu lernen. Also gehen wir wieder Anker auf und zum Yachtclub. Der Steg besteht aus einem alten Dampfschiff, das hier auf Grund gesetzt wurde und an dem die Segler links und rechts im Päckchen festmachen. Die Deckskabinen des Dampfers beherbergen neben einer heimeligen Bar auch Duschen und Toiletten. Doch es sollte erst noch 3 weitere Anlegemanöver dauern, bis es endlich geklappt hat. Kräftige Windböen haben immer wieder im ungünstigsten Augenblick eingesetzt und unser Heck abgetrieben oder Bomika zu stark auf die Yachten abdriften lassen, so dass eine Karambolage nur mit beherztem Gasgeben und einem Neuversuch verhindert werden konnte.

Nachdem wir als viertes Schiff im Päckchen fest vertäut lagen, kamen wir beim Gang an Land auch über Resolute gestolpert. Peter und Frank haben uns kurz darauf begleitet bis zur Capitaneria del Puerto, die auch die Prefectura beherbergt. Die ersten Formulare werden ausgefüllt, und wir sollen noch eine ½ Stunde bleiben, denn Zoll, Immigration und Gesundheitsamt kommen um 1800h her und wir können uns den Weg sparen. Wir nutzen die kurze Wartezeit für einen kleinen Spaziergang und stiften in der Kirche die längst fällige Kerze, die wir als Dank für die gute Fahrt durch die stürmischen Regionen versprochen haben. In der Kirche hängen neben gebastelten Pappengeln auch eine große Tafel, auf der der alte Herr im Himmel mit der Welt telefoniert, doch die Datenleitung wird von einer Friedenstaube mit dem Schnabel gekappt. Was auch immer das hier bedeuten mag, wir denken an Aloisius, der durch seinen verlängerten Aufenthalt im Hofbräuhaus die Bayerische Regierung immer noch auf die göttliche Eingebung warten lässt. Der Kreuzweg an den Wänden besteht aus handgeschnitzten Holzreliefs, die die Hingabe des Künstlers verraten.    e_P1102297e_P1102301

Zurück in der Prefectura werden alle weiteren Formulare der übrigen Behörden schnell erledigt und wir bekommen jede Menge Anstecker, Anhänger und Schreiber als Werbematerial geschenkt. Dank Internet – wenn auch wackelig – wird ein 5-seitiges Formular auf Spanisch ausgefüllt, das wir am nächsten Tag noch abgeben müssen. Ansonsten sind wir froh, nach einem einfachen Abendessen in die Kojen zu kriechen.

Den Mittwochvormittag vertrödeln wir mit Hafenkino vom Feinsten: die große fette Yacht „Santa Maria Australis“ will auslaufen, an ihr hängen noch zwei weitere Yachten und eine dritte läuft gerade ein und will sich dazu hängen. Es wird umgeparkt und ausgeparkt, ein Ballett der Segelyachten im engen Hafenbereich, aber alles läuft soweit glatt. Ebenso will sich die „Resolute“, die fast ganz innen im zweiten Päckchen liegt, schon mal nach außen verlegen, damit sie am Nachmittag problemlos abdampfen kann. Dazu verlegen wir uns zusammen mit den Franzosen, die außen an uns festgemacht haben, an das Päckchen weiter vorne. Am Abend wird dann unser Päckchen noch mal reduziert, da unser innerer Nachbar ausläuft. Also ziemlich viel Bewegung im Hafen!

Zwischendurch liefern wir unseren Fragebogen bei der Prefectura ab und machen noch einen Spaziergang durch einen Teil der Ortschaft und hintenherum durch die Hügel zurück zum Hafen. Dabei passieren wir die Plaza de la Virgen, ein kleiner umzäunter Park mit einer übergroßen Muttergottes und ein paar Sitzbänken. Auf der Halbinsel dem Yachtclub gegenüber befindet sich die alte Missionsstation, bei der nachmittags eine Pferdeherde herantrabt, die Fohlen werden gesäugt und tollen herum. Die ganze Herde scheint sich recht wohl zu fühlen, ebenso wie die Gänsefamilie. Weitere Yachten laufen ein und es wird recht voll, die Päckchen immer länger. Auch „Land Fall“ mit Dennis und Mike sind dabei sowie eine Italienische Yacht mit kunterbunter Besetzung: ein junger Israeli, ein Mädel aus Surinam und zwei Asiatinnen sind neben den drei italienischen Herren an Bord. Wir wundern uns, wo und wie all die Yachten doch noch einen Platz finden. Nachdem die Tage meist bedeckt sind und der Windgenerator an unserem recht geschützten Platz nicht viel Strom produziert, legen wir eine Stromleitung zum Dock an die letzte freie Steckdose. Doch der Strom bleibt aus, erst muss „Victor“ von der Prefectura kontaktiert werden und dafür ist es heute bereits zu spät.

Als wir uns am nächsten Tag mit Mike auf den Weg nach Villa Ukika machen, legen wir einen Stopp bei der Prefectura ein. Die noch fehlenden Daten unseres Epirb werden abgegeben und die Beamten telefonieren herum nach Victor, der für Stromleitungen am Pier zuständig ist. Der nimmt mich gleich mit zum Club, erklärt dass die von mir gewählte Steckdose nicht funktioniert und schaltet dafür eine andere frei, die allerdings auf der anderen Seite des Dampfers liegt und weitere 20m Kabel erfordert. Die weitere Verkabelung verschieben wir auf den Abend, erstmal ist Sightseeing angesagt. Ich schließe zu Lisa und Mike auf und wir erreichen Villa Ukika am Ost-Ende von Puerto Williams. Als sich die Chilenische Armada hier niedergelassen hat, wurden die Indios, Yahgans genannt, an den Ortsrand gedrängt und umgesiedelt. Es gibt nur noch wenige dieser ursprünglichen Bevölkerung aus Feuerland, die neben Spanisch ihre eigene Sprache Yahgana aufrecht erhalten und zumindest überwiegend Indianisches Blut besitzen. In einer Hütte werden einige Antiquate ausgestellt und indianische Handarbeiten oder alte Schwarz-Weiß Fotos zum Verkauf angeboten. Der Erlös hilft dem verbliebenen Volk zum Lebensunterhalt, für den die mickrige Sozialleistung des Staates bei weitem nicht ausreicht. Daneben bleibt nur noch ein bisschen Fischfang, entweder mit einem der alten, zusammengeflickten, kleinen Fischerboote oder mit Reusenkörben, die vor den Häusern oder auf der Strasse aufgestapelt sind. Den Verkauf erledigen zwei junge Mädels von etwa 11 Jahren, begleitet von einem kleinen, netten Rotzbengel, der auf die Beiden aufpasst – oder umgekehrt. Die angebotenen Handarbeiten sind Miniaturen der ursprünglichen Boote der Indios, hergestellt aus Baumrinde und Zweigen, mit denen sie in den rauen Gewässern rund um Feuerland und der Insel Navarino zum Fischen und Jagen unterwegs waren. Daneben auch aus Gräsern geflochtene Körbchen verschiedener Größe und aus Schaf oder Alpaka Wolle gestrickte Strümpfe und Mützen.

Nach einem kurzen Besuch im kleinen Supermarkt, der eher an einen Tante-Emma-Laden denken lässt, besuchen wir das Martin Gusinde Museum. Im Garten liegen alte Walknochen, im Inneren wird neben Ausstellungsstücken zur Historie von Indios und Besiedelung eine Bibliothek mit Leseraum sowie Internet kostenlos zur Verfügung gestellt. Nach der Rückkehr an Bord werden wir von Land Fall mit Tee, Bier, Käse und Pickels bewirtet, bevor wir uns nach 2200h alle aufmachen, um der „Micalvi-Bar“ unseren Antrittsbesuch abzustatten und unseren ersten Chilenischen Pisco Sour, das chilenische Nationalgetränk, zu genießen. Die Zeit vergeht beim Tratsch wie im Flug und bis wir alle wieder auf unsere Schiffe geklettert sind, ist es fast 0300h morgens. Klettern kann man dabei wörtlich nehmen, denn es gilt die Reling der unterschiedlich hohen Schiffe zu übersteigen und über etliche meist voll bepackte Decks zu klettern. Dabei werden viele unterschiedliche Hoheitsgebiete und somit Länder durchquert: Niederlande, Türkei (das erste türkische Schiff, dem wir begegnen, mit Sibel und Osman aus Istanbul), Australien, England, Norwegen, Frankreich, Italien, USA und viele mehr. Eine wirklich internationale Gemeinschaft!

Den Freitag verbummeln wir an Bord, es pfeift heftig, zwischendurch etwas Regen. Wir erledigen PC-Arbeiten und anderes, und an den beiden Duschen, die für den großen Andrang bei so vielen Yachten natürlich nicht ausgelegt sind, bilden sich Schlangen. Dafür gehen wir Abends mit Dennis und Mike in ein Restaurant in der Nähe, wir wollen unsere ersten Chilenischen „Completos“ (Hotdog mit verschiedenen Soßen und Sauerkraut) genießen. Frischer Fisch steht ansonsten auf dem Menü, aber frisch heißt in diesem Fall frisch angeliefert von der Fähre aus Punta Arenas und tiefgekühlt. Das stattdessen gewählte Fleisch ist auch nicht so dick wie vom Wirt angepriesen, aber auch die dünnen Lappen schmecken, vor allem Dank der scharfen Tomatensoße, die uns auf den Tisch gestellt wird.

e_P1132375Als wir zum Club zurückkommen, stehen dort zwei junge Offiziersanwärter in schmucker Uniform mit Säbeln und lassen sich gerne von uns fotografieren. Wir lernen, dass der Kapitän des Patroullienbootes, das zwischen Ushuaia, Puerto Williams und Kap Hoorn Einsätze fährt, heute abgelöst worden ist. Die restliche Gesellschaft mitsamt dem Kapitän kommt kurz darauf auf die Micalvi geschwankt, offensichtlich wurde schon gut gefeiert. Doch bevor der Kapitän seinen Fuss von der letzten Segelyacht auf die Micalvi setzt, fragt er mich um Erlaubnis, an Bord kommen zu dürfen, die ich ihm natürlich gewähre.

e_P1142379Auch die Crew der Deutschen Yacht „Alkyone“ finden sich ein und es stellt sich heraus, dass der Haupteigner Hans nicht nur derselbe Jahrgang ist wie ich, sondern ebenfalls in Pasing aufwuchs und wir zusammen die Grundausbildung beim Heer in der Münchner Bayernkaserne absolviert haben. Und nun treffen wir uns hier in Puerto Williams in Patagonien wieder! Das muss natürlich begossen werden und so werden noch ein paar Pisco Sour gekippt, der Flottenkapitän und seine Offiziere sind ebenfalls beim Feiern in der Micalvi Bar. Die Atmosphäre ist locker, entspannt und recht fröhlich, die Chilenen sind an den Geschichten der Segler sehr interessiert und mischen sich unters Volk, bis sich am frühen Morgen der Kapitän doch noch verabschiedet und relativ gerade, wenn auch leicht schwankend, die Bar verlässt.

Mit Ausschlafen wird es allerdings nichts. Um 0700h klopft unser Nachbar Ian sanft aufs Deck, weil er auslaufen will. Aber erstmal hat er für uns ein Haferl Kaffee bereit zum wach werden. Die Landleine ans andere Ufer holen wir mit unserem Bommelchen ein, unsere Leinen werden gelöst und die Vorleine hinten herum verlegt, so dass wir uns danach wieder leicht heranziehen können. Danach vertäuen wir uns wieder, diesmal an der Uzaklar, verkürzen die Stromleitung und alles ist paletti. Etliche andere Yachten laufen auch noch aus, dann folgen die niederländische „Danser“, die Norweger und auch „Landfall“ auf dem Weg in die Antarktis. Am Schluss trennt uns nur noch die „Uzaklar“ (übersetzt: weit entfernt) vom Dock der Micalvi, also wird es viel einfacher für unsere Miezen, an Land bzw. auf das Dock zu kommen. Insgesamt sind 11 Yachten ausgelaufen, 2 weitere sind neu dazu gekommen. Nun herrscht wieder Ruhe im Päckchenverband, der Tag ist derweil allerdings auch schon weit fortgeschritten. Dafür hat sich der Wind für heute beruhigt, der Himmel ist bewölkt und zwischendurch sprenkeln Regentropfen unser Deck. e_P1141988e_P1141990

Im Ausgleich vertrödeln wir den Sonntag, arbeiten an unserer nächsten DVD und schauen uns selbst ein paar Filme an. Für morgen haben wir einen Landausflug ins Landesinnere geplant, um die raue Wildnis etwas genauer zu inspizieren, wenn nichts dazwischen kommt.

So – So, 01.-08.Jan 2012 (Ushuaia)

Nach dem für uns doch langen Abend bleiben wir entsprechend lange in der Koje. Wir vertrödeln den halben Tag und beschäftigen uns mit Kleinarbeiten der Bordroutine, bis uns am Nachmittag Hans, Barbara und Peter von der Resolute sowie auch Ilona besuchen. Am Abend kommt Dennis von der „Land Fall“ noch vorbei auf ein Gläschen. Von Ilona erfahren wir auch, wieso es kein richtiges Feuerwerk gab: da es sehr viele Holzhäuser gibt und auch der Wald in unmittelbarer Umgebung ist, ist es verboten, mit Feuerwerksraketen und anderem offenen Feuer zu hantieren, denn ein Funke könnte hier eine wahre Feuersbrunst auslösen, noch dazu, weil der Wind hier meistens kräftig bläst.

Nachdem wir die „Resolute“ Crew mit Tee, Kaffee und dem hier sehr guten Panetone bewirtet und wir diverse Infos ausgetauscht haben, verabschieden sich die Drei. Ilona bleibt noch, um mit uns zu Essen. Wir haben viel Spaß und übersehen natürlich die Zeit, um 20.00 Uhr wird der Taxiservice der Marina eingestellt. Das heißt, entweder Charly rudert mit Ilona an Land, oder sie bleibt auf der Bomika. Dennis löst das Problemchen, nachdem er einen Drink bei uns bekommen hat, fährt er Ilona an den Steg und wir gehen auf der Stelle ins Bett, da es natürlich bereits wieder kurz vor Mitternacht ist.

Entsprechend spät kommen wir am Montag wieder aus den Federn. Wir machen einen Stadtausflug, gehen erst zum Shipshop wegen eines Außenborders (ohne Erfolg), dann in das Stadtzentrum. Unterwegs klappern wir noch ein paar Reparatur und Zubehörläden ab wegen eines Impeller, dann marschieren wir bergauf zur Hydraulikfirma. Dort erstehen wir einen Kühlwasserschlauch, Seeventile und Schlauchmuffen. Wir treffen Ilona in der Pizzeria Azul und Lisa kommt dort endlich zu ihren Centollas (Seespinnen) als reichhaltigem Belag. Bevor der Yachtclub um 20.00h den Dingiservice einstellt, sind wir zurück und lassen uns an Bord kutschieren. Die Liste der Kanäle, die wir befahren wollen und der Buchten, die wir evtl. dabei ansteuern wird weiter bearbeitet. So wird es schon wieder mal nach Mitternacht und plötzlich streikt die Toilette. Die Ursache ist mittels Schraubenzieher zum Öffnen der Pumpe schnell gefunden. Dabei ist das nicht gerade unsere Lieblingsbeschäftigung kurz vor dem Zubettgehen. Eine Garnele hat sich in den Ansaugstutzen verirrt, wobei wir nicht wissen, ob sie nur kostenlos Aufzug fahren oder Selbstmord begehen wollte. Panzer, Eingeweide, gepresstes Krebsfleisch samt Beinlinge werden entfernt, alles wieder zusammen gebaut und schon funktioniert es wieder.

Obwohl es wieder eine kurze Nacht wird, schaffen wir es uns am Dienstag früh aus dem Bett zu schälen. Die „Resolute“ läuft aus nach Puerto Williams und wir hoffen sie dort wieder zu treffen. Zu kurz war die Zeit und zuwenig unsere Fahrten an Land, um uns etwas näher kennen zu lernen. Für Lisa steht ein Ausflug mit Ilona an zur Casa del Te mit Spaziergang in Richtung Gletscher, also brav bergan. Die meisten Fotos werden zwar leider unscharf, aber die einmalige Gegend und das Laufen über weiches, nasses Moos hat sie doch sehr genossen.

Ich begebe mich derweil zur östlichen Stadtgrenze von Ushuaia mit 3 Gasflaschen im Gepäck zum Ausfüllen. Für die weite Rückfahrt ist aber leider kein Taxi zu bekommen, dafür gibt es einen Bus zurück in die Stadt. Der klappert erstmal alle Randdistrikte ab, schießt über mein Ziel – dem Centro – hinaus und beschert mir eine Rundreise durch das westliche Ushuaia. Jedes Mal, wenn er Richtung Zentrum und Hafenbucht fährt, denke ich, die nächste Station steige ich aus, doch dann biegt er vorher ab und fährt wieder ins Hinterland. Schließlich steige ich einfach oben am Berg aus und laufe bergab durch die Stadt und zum Yachtclub. Die vollen Gasflaschen drücken dabei ganz schön. Zurück an Bord ist der Warmwasser Boiler an der Reihe. Die Demontage sorgt dabei für eine Überschwemmung in der Motorbilge. Nach wenigen Stunden ist es geschafft und der Boiler ausgebaut. Das Leck ist nun schnell identifiziert – eine Schlauchmuffe zeigt einen Riss über die gesamte Länge. Eine passende Ersatzmuffe befindet sich noch im Fundus, alle Anschlüsse werden brav mit Teflonband neu abgedichtet und es kann wieder an die Montage gehen. Nur den Motorkühlkreislauf schließen wir noch nicht an, denn dann werden noch ein paar Liter Kühlflüssigkeit fällig und das passende Frostschutzmittel müssen wir erst besorgen. Spät am Abend ist alles geschafft, der test verläuft erfolgreich und vielversprechend. Der Motor darf nun wieder laufen, um die Batterien zu füllen. Die letzten Tage zehren an den Substanzen der Stromspeicher: keine Sonne, keine Arbeit für die Kollektoren und kein oder nur wenig Wind. Auf die Kühlbox können wir zwar gut verzichten, aber ab und an die Heizung anwerfen ist ja doch angesagt, von warmem Wasser zum Waschen gar nicht zu reden. Unsere „Notlösung“, den Boiler über den Stromwandler zu betreiben, hat sich als nicht ganz einfach herausgestellt. Auch wenn der Motor zum Laden mitläuft, zieht der Warmwasserbereiter zuviel Strom aus den Akkus und lutscht sie in kürzester Zeit bis zum Ende aus. Daher wird es Zeit, dass wir wieder Wasser auch direkt über die Maschine heiß machen können.

Allerdings gibt es gegen Mitternacht beim Zähneputzen die nächste Überraschung: die Wasserpumpe läuft heiß und fördert kein Wasser mehr aus den Tanks. Wir müssen sie erstmal abschalten und haben somit erstmal keine Möglichkeit mehr, das Wasser aus den fast vollen Tanks ins Wasch- oder Spülbecken zu bekommen.

Am Mittwoch zeigt sich nach etlichen Tagen endlich mal wieder die Sonne, aber das bleibt nicht lange. Dicke Wolken ziehen auf und bringen Starkwind, der uns mal wieder ans Schiff fesselt. Also brauchen wir uns auch keine Gedanken machen, uns ungewaschen unter die Leute zu mischen. Eine gute Gelegenheit, sich gleich um die Wasserpumpe zu kümmern, die ja eigentlich noch neu ist. Die „alte“ Wasserpumpe, die wir als Reserve aufgehoben haben, wird zerlegt – alles in Ordnung. Der Vorfilter, der Zulaufregler, die diversen Wasseranschlüsse werden ausgebaut und überprüft – kein Fehler, keine Undichtigkeit zu finden. Die Wasserpumpe wird ausgebaut, ebenfalls zerlegt und durch die andere ersetzt, immer noch kein Erfolg. Anstatt des Druckausgleichsbehälters schließen wir einfach ein Stück Schlauch an, das wir in einen Kanister hängen und siehe da, es funktioniert! Also den Ausgleichsbehälter ausbauen und die Leitung mit dem T-Stück inspizieren – alles in Ordnung, kein Dreck oder sonstiges blockiert den Durchfluss. Als Alles wieder ordnungsgemäß verschraubt, verbunden und abgedichtet ist, ein neuer Versuch. Und auf einmal geht’s! Woran es nun gelegen hat, ist uns ein Rätsel. Allerdings haben wir bei der ganzen Werkerei und dem Ausdenken möglicher Notlösungen festgestellt, dass wir unbedingt noch ein paar spezielle Schlauchanschlüsse brauchen, um im Falle des Falles gerüstet zu sein.

Bevor der Motorraum wieder sauber gewischt und das restliche schwappende Wasser aufgesaugt wird, schließen wir doch noch den Boiler an den Kühlkreislauf des Motors an. Die große Frage ist nur, welches ist der Zu- und welches der Abfluss? Am Boiler ist das zwar gut markiert, aber nicht am Motor. Auch in den ganzen Handbüchern findet sich dazu kein Hinweis. Bleibt nur das Ausprobieren mit Testlauf. Danach haben wir irgendwie das Gefühl, dass ein Schlauch vom Motor wärmer wird als der andere und wir die Anschlüsse vertauschen müssen. Sobald das getan ist, der nächste Testlauf, aber beide Schläuche scheinen etwa gleich warm zu werden. Immerhin wird das Wasser warm, also kann es nicht ganz verkehrt sein! Der Wind rüttelt immer noch am Schiff und lässt unsere Mägen leicht unwohl fühlen. Der Wind ist eisig, der Sommer hier erinnert eher an einen Winter in Deutschland.

e_P1052288Der nächste Morgen zeigt uns wider mehr Schnee auf den Bergen bis runter knapp oberhalb der Stadtgrenze. Für eine Weile ist es relativ ruhig, wir genießen unser warmes Wasser zum Waschen und ich mache mich auf den Weg zum Club. Nach einer halben Stunde Internet für Wetterbericht und Emails ist ein Besuch bei der Bank angesagt. Kaum auf der Strasse, pfeifen mir starke Böen um die Ohren und es regnet heftig. Die Schwerwetterjacke hält zwar schön warm, aber Jeans und Hände sind nach wenigen Minuten gut durchnässt. Nach einer guten halben Stunde ist die Bank erreicht, deren Automat auch meine Visacard akzeptiert und bald darauf kommt die Sonne durch, der Regen hört auf. Ganz trocken werde ich nicht mehr, bevor ich am Yachtclub zurück bin. Dennis und Mike sind gerade dabei, ihr Kielschwert einzubauen und ich biete meine Hilfe an. Dabei kehrt nicht nur der Wind, sondern auch der Regen zurück und vermischt sich mit Graupel. So komme ich letztlich doch wieder durchnässt auf der Bomika an.

Der Freitag könnte ein 13ter sein, ist aber eigentlich ein ganz normaler Tag im Alltagsleben eines Blauwasserseglers. Am Morgen verlegen wir uns an die Pier, damit die Groß-Besorgungen von Segel, Diesel und Verproviantieren einfacher sind. Der erste Weg sollte zum Segelmacher führen, wo unsere Segel seit gestern Nachmittag auf unsere Abholung warten sollen. Doch vorsichtshalber bitte ich im Office Kathi dort erstmal anzurufen. Prompt sind die Segel noch nicht fertig und werden für den Abend bzw. Nachmittag versprochen. Nach dem Durchrechnen der noch zu erwartenden Ausgaben steht noch ein weiterer Besuch bei der Bank an, vor allem da der Maximalbetrag zum Abheben bereits mit 1.000 ARS (etwa 170€) erreicht ist und man mit diesem Betrag nicht allzu weit kommt. Ein paar Mitbringsel und Postkarten werden noch erstanden und zurück im Club beginnt der frustige Teil des Tages. Die leeren Dieselkanister werden an Land gebracht und am Parkplatz bereitgestellt – 13 von uns, weitere 7 von „Land Fall“. Der Transportservice ist für 1600h bestellt und so warten wir brav. Es vergeht eine Stunde, dann 90 Minuten. Kathi vom Club hatte alles in die Wege geleitet, ist aber inzwischen längst weg und dummerweise habe ich nicht nach dem Namen und Telefonnr. des Transporteurs gefragt. Roxanne, die den Transporteur kennen müsste, ist auch nicht erreichbar. Nach 2 Stunden werden die 20 Kanister auf ein Wägelchen geladen und den Steg entlang zur Bomika gebracht, danach mache ich mich mit Mike auf zum Segelmacher. Nach einer halben Stunde Fußweg sehen wir ihn an seiner Nähmaschine sitzen und fleißig an unserem Großsegel arbeiten. Er vertröstet uns auf ein paar weitere Stunden, doch das macht keinen Sinn und er wird bestimmt nicht mehr fertig werden. Also vereinbaren wir den Termin für Samstagabend. Unverrichteter Dinge kehren wir gegen 2000h zurück. Inzwischen war der Transporteur da, einmal kurz nachdem wir zum Segelmacher aufgebrochen sind, dann noch mal kurz vor unserer Rückkehr. Er will am Samstag um 0800h morgens die Fuhre erledigen, da er nach 1000h keine Zeit mehr hat.

e_P1061918Dennis und Mike bekommen das allerdings nicht mehr mit. „Land Fall“ sitzt nämlich weiterhin hoch auf dem Trockenen. Der Traveller-Schlitten wurde zwar ins Wasser gelassen, hängt aber in seinen Schienen auf halber Strecke fest und will weder vorwärts noch rückwärts. Als diese Hürde einen Tag später geschafft ist, reißt auch noch das Zugseil für den Schlitten. Nun soll zwischen Mitternacht und 0400h morgens die Wasserung erfolgen, klappt aber wieder nicht, da das Wasser nicht hoch genug steigt.

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Auch der Folgetag ist normaler Segelalltag, wenn auch mit besseren Resultaten. Am Samstagmorgen um 0800h bin ich erstmal alleine beim Unternehmen „Dieselkanne“. Alle 20 Dieselkanister über die Pier zum Parkplatz schleppen, diesmal nur kurz auf den Transporteur warten und dann ab zur nächsten Tankstelle. Die Nächste ist ja nicht weit (15 Min. zu Fuss), aber dort bekomme ich aber nur 3 der Kanister gefüllt, mehr ist laut Vorschrift nicht erlaubt, was auch unseren Transporteur in Erstaunen versetzt. Aber diskutieren hilft nicht und so geht es eben weiter an eine andere Tankstelle weit im Osten der Stadt. Dort werden anstandslos alle restlichen Kanister befüllt, solange nicht alle gleichzeitig neben der Zapfsäule stehen. Schon sind wir wieder auf der Strasse und bald mit vollen Kanistern zurück beim Club. Von dort steht ein Handwagen für den Transport über den Steg zur Bomika zur Verfügung, Mike hilft beim Schieben über die Holzplanken. Als Nächstes wird der Tank gefüllt mit 180 Litern, damit bleiben 2 Kanister zum Nachfüllen übrig. Landfall hatte netter weise vorgeschlagen, ihre Dieselkanister auch für Bomika zu benutzen, da sie sich am Montag ein Mietauto nehmen und damit die ganzen Besorgungen machen werden.

Der folgende Weg führt uns zum Supermarkt am Shopping Center, der besonders groß und zum Verproviantieren geeignet sein soll. Einmal dort, wollen wir auch einen kurzen Blick ins Shopping Center riskieren. Lauter Läden mit Klamotten zeigen uns ihre Schaufenster, aber im ersten Stock ein Stand mit Handwerkskunst, an dem wir nicht einfach vorbei gehen können. Ein Indianer aus dem nördlichen Argentinien, der nun mit seiner Familie hier in Ushuaia wohnt, schnitzt zusammen mit seinem Vater alle möglichen Figuren und Gegenstände aus Palisander und anderen Hölzern, mit Einlegearbeiten aus Tierknochen. Wir kommen ins Reden und er zeigt uns einige tolle Foto-Aufnahmen von Kondoren, die er am Stadtrand von Ushuaia aufgenommen hat. Nachdem uns die Boutiquen nicht interessieren, schenken wir uns die weitere Besichtigung des Shopping Centers und starten mit dem Einkaufen. Drei Einkaufswägen werden rappelvoll, anstatt eines Taxis werden wir einer Remise zugewiesen. Das sind Privat-Taxis im Dienste des Supermarkts. Die Rückfahrt zum Yachtclub muss mit zwei Remisen (der erste Fahrer meinte sogar es müssen drei Fuhren sein), von denen wir aber nur eine bezahlen müssen. Der anschließende Transport mit dem Handwagen – der wegen der umfangreichen Ladung und halbvoller Pneus ziemlich in die Knie geht – über den Steg, aber auch das an Bord hieven der wackligen Kartons und leicht reißender Tüten strengt noch mal richtig an. Es folgt das Auspacken und Verstauen an Bord, keine leichte Aufgabe angesichts der Menge gegenüber dem begrenzten Stauraum.

Während Lisa noch mit dem Verstauen unseres Einkaufs beschäftigt ist, steht bei mir ein Besuch beim Segelmacher an. Zusammen mit Dennis mache ich mich auf den Weg. Wir begutachten die Arbeit und packen danach die Segel wieder in ihre Säcke. Nur Dennis ist nicht ganz so happy, die Sprachbarriere bei Auftragserteilung war wohl daran Schuld. Also wird eine neue Reparaturanweisung für die Genua von „Land Fall“ gegeben und solange wiederholt und erklärt, bis alles verstanden ist. Im Club holen wir Mike und Lisa ab zu einem Abend Spaziergang durch die Stadt zu einer Churasco-Bar. Dort gibt es Sandwiches in Unterarmlänge belegt mit Steak, selbiges groß wie ein Teller und garniert mit Salat, Spiegelei, Schinken und Käse. Für Lisa steht eine Rindsbratwurst und eine Hähnchenkeule auf dem Wunschzettel. Dort treffen wir auch Thomas von „Selma Expeditions“, der sich hier ein letztes Mahl vor dem Auslaufen in die Antarktis gönnt. Zuletzt kommt auch noch Richard aus Seattle durch die Tür geschneit, der mit seiner „Abrazzo“ in diesen südlichen Gefilden unterwegs ist und dem Bildnis des waschechten, alten Seebären alle Ehre macht und dabei meist verschmitzt lächelt. In der Nacht soll es endlich mit der Wasserung von „Land Fall“ klappen, deshalb wollen wir es nicht zu spät werden lassen. Dennis und Mike wollen nach der Wasserung evtl. bei uns längsseits gehen oder erstmal vor Anker, um den Wassermacher laufen zu lassen.

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Am Sonntag hat es wohl auch geklappt und das Wasser ist weit genug gestiegen, „Land Fall“ schwimmt wieder; zumindest ist der Traveller-Schlitten leer und steht wieder an Land. Von Dennis und Mike oder ihrem Schiff fehlt jedoch jede Spur. Funkrufe bleiben unbeantwortet, auch der Yachtclub fängt an, sich Sorgen zu machen. Am Vormittag mache ich mich zu Fuss auf den Weg zur Tankstelle, um die restlichen 2 Kanister mit Diesel füllen. Der Hinweg dauerte mit schnellen, beschwingten Schritten nur 15 Minuten, der Rückweg wird allerdings ohne Trolley oder Taxi enorm lang, ebenso die Arme, die eine so dauerhafte Belastung mit Hängegewichten nicht gewohnt sind. Alle paar Minuten ist eine Pause angesagt und aus dem kurzen Hinweg werden lange 45 Minuten Rückweg. Danach tauschen wir den Platz am Pier wieder gegen einen Ankerplatz. Die Relingskleider werden Dank der Ösen vom Segelmacher fertig gestellt und zieren endlich wieder unsere Heckreling. Ohne sah das doch sehr nackt aus, es fehlte einfach der gewohnte Anblick. Landfall taucht auch wieder auf, sie hatten zwischen den Inselchen geankert und ihren Schönheitsschlaf nachgeholt. Wir verabreden uns für Montag früh, denn die Beiden haben angeboten, mich mit dem Mietwagen zur Wäscherei zu bringen.

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Mo – Sa, 26.-31.Dez 2011 (Ushuaia)

Nach 4 Tagen im Hafen vor Anker ist es endlich soweit, die Winde haben sich beruhigt und ebenso die Wellen. Mit dem „Taxi-Service“ des Yachtclubs können wir endlich an Land, um uns die Stadt anzusehen. Auch den Müll können wir endlich entsorgen. In den Letzten vier Wochen seit Mar del Plata hat sich ja doch einiges angesammelt.

Der Club liegt gleich neben dem Fliegerverein mit Sportflugplatz, davor eine alte Propellermaschine. Auf der Schotterstrasse zwischen Hafenbucht und See sind es nur etwa 10 Minuten bis in die Stadt. Um den See herum stehen Holzhäuser, die mit den Bergen im Hintergrund an die Schweiz erinnern. Ansonsten erinnert die Architektur der Gebäude in der Stadt sehr an die Nordischen Länder – Schweden, Norwegen, Finnland. Manche Häuschen sind so klein, dass man unweigerlich nach der Achse und den Rädern unter den Bodenbrettern sucht. Viele Fenster sind liebevoll dekoriert mit einem bunten Sammelsurium, die meist sehr kleinen Gärten voller Blütenpracht. Überhaupt scheint hier eine Liebe zum Detail weit verbreitet. Wir schlendern die Hauptstrasse entlang, besehen auch verschiedene Querstrassen und begutachten einige Läden. Vieles ist auf die Pinguine ausgerichtet, sei es die hiesigen Magellan Pinguine oder die „King-Pins“ von Südgeorgien. Nicht nur als Souvenirs in den Schaufenstern, sondern auch als Mannequins in den Bekleidungsläden oder als lustige Wegweiser. Selbst die Bierkrüge aus Porzellan im Restaurant haben eine Pinguinform. Zum Mittagessen treffen wir Ilona wieder und lassen es uns im urig und gemütlich eingerichteten „Almacen“ ein gutes Essen schmecken. Das Etablissement ist Restaurant, Bar, Konditorei, Bäckerei und Cafe in einem. Hier haben wir endlich auch mal Internet, wenn auch nur für eine gute Stunde, die natürlich zu kurz ist, um alles der letzten 4 Wochen hoch- oder herunter zu laden. Gemeinsam wandern wir noch zum Maritim Museum im alten Gefängnis, werden aber von den Eintrittspreisen wieder verscheucht. Rund €15 pro Person erscheint uns etwas happig, auch wenn wir nicht recht wissen, was uns da erwartet. Im Hinterhof des Museums können wir eine alte Dampfmaschine bewundern, die zum Antrieb einer Baumsäge verwendet wurde und zu diesem Zweck mit Ochsen an den Ort des Geschehens, nämlich in den Wald, verbracht wurde. Daneben noch eine alte Schmalspurdampfeisenbahn, die nicht so aussieht, als wäre sie schon lange außer Betrieb. Über eine höher gelegene Strasse besuchen wir das oben am Berg gelegene Hostel, in dem Ilona wohnt, und genehmigen uns ein Bierchen bevor wir wieder zurück wandern und noch den Supermarkt besuchen. Wir besorgen eigentlich nur das „Nötigste“, aber es sammelt sich doch etliches im Einkaufswagen und entsprechend schwer bepackt geht es zurück zum Yachtclub.

Nachdem es ja lange hell ist, fangen wir schon mal an, das Großsegel abzuschlagen, also Reffleinen und Segelköpfe zu lösen. Den Rest wollen wir morgen machen, da wieder Wind aufkommt und wir außerdem vom vielen ungewohnten Laufen müde sind.

Am Dienstag stehen wir viel zu spät auf, wir haben so fest geschlafen, dass wir erst kurz vor Mittag die Äuglein wieder aufkriegen. Jetzt wird es Zeit, das Großsegel auch aus der Mastschiene zu nehmen und möglichst handlich zusammenzulegen. Die Inspektion zeigt ein paar Löcher, die geflickt werden müssen, eine fehlende Segellatte und eine offene Naht vom Achterliek bis zum Vorliek. Die Verstärkung am Achterliek ist natürlich auch durchgerissen und zu erneuern, das Vorliek weist ebenfalls etliche Risse auf. Als nächstes dann noch die Genua. Das Zusammenrollen wird hier etwas schwieriger, da die freie Fläche hierfür fehlt. Stage, Wanten, Kanister, Lüfterhutzen – alles ist im Weg. Noch dazu fängt es entgegen der Vorhersage doch wieder kräftig zum Blasen an. Wir rollen das Segel mehr schlecht als recht zusammen und schaffen es nach hinten, um es im Windschutz in Cockpit und Achterdeck noch mal besser zu einem handlichen Paket zu schnüren, damit es auch in einen Segelsack passt. Irgendwann ist auch das geschafft und wir leicht genervt. In Anbetracht des kalten Windes werden eben noch Weihnachtsmails beantwortet und an der Route durch das Chilenische Patagonien gebastelt. Vom Wetter in Ushuaia heißt es ja, dass man jeden Tag bis zu 4 Jahreszeiten erleben kann. Sommer, wenn die Sonne scheint und es richtig warm wird, Frühjahr und Herbst, wenn es bedeckt ist und windet, und schließlich Winter, wenn es schneit. Das kann auch im hiesigen Sommer leicht passieren, denn wie wir erfahren haben, gab es den letzten Schneefall nur wenige Tage vor unserer Ankunft.

Für Mittwoch ist Starkwind mit 40 Knoten und mehr angesagt, doch am Vormittag bleibt es erstmal noch relativ ruhig. Ich nutze die Zeit, um kurz an Land zu gehen und ein paar dumme Fragen im Club Büro zu stellen, insbesondere wegen Segelmacher und Gasflaschenfüllung. Dabei wird auch gleich die Liegegebühr entrichtet, die i.d.R. im Vorhinein zu entrichten ist. Ich komme auch gerade rechtzeitig zurück auf die Bomika, bevor es richtig zu pfeifen anfängt. Wir unterhalten uns noch mit unserem Nachbarn Dennis von der „Land Fall“, der auch zum Segelmacher muss, und vereinbaren für morgen einen gemeinsame Fahrt, sowohl mit dem Dingi-Service als auch mit dem Taxi. Danach kommt auch der Starkwind und hält uns an Bord. Zu tun gibt es ja immer genug. Nur schade, dass ab 30 Knoten der Windgenerator nicht mehr lädt und die Solarpaneele ohne Sonne auch nichts arbeiten. So muss eben zwischendurch der Motor laufen, um etwas Saft in die Batterien zu pressen.

Unser Funkanruf beim Yachtclub bleibt heute ausnahmsweise unbeantwortet, bis sich nach über einen ½ Stunde wenigstens das Office meldet und uns den Dingiservice schickt. Doch der braucht noch etliches länger und erst auf unsere nachfrage hin kommt die Erklärung: Probleme mit dem Motor, das Starterseil ist gerissen. Aber nun klappt es doch und zusammen mit Dennis geht’s im Taxi zum Segelmacher. Einen großen Seesack Schmutzwäsche haben wir auch gleich mitgenommen, die Wäscherei soll unser nächster Anlaufpunkt sein. Beim Segelmacher stehen wir aber erst auf verlorenem Posten, die Werkstatt ist zu, keiner da. Die Türklingel ist wohl kaputt, immerhin meldet sich seine Frau, nachdem wir kräftig gegen die Wohnungstür geklopft haben. Hector, der Segelmacher, ist wohl gerade beim Arzt, ob wir wohl morgen wieder kommen können? Wir sehen uns betreten an, vor uns 4 schwere Säcke, das Taxi längst weg. In holprigem Spanisch versuchen wir uns zu verständigen, als ein Taxi am Straßenrand hält und Hector aussteigt. So klappt es doch noch, die Segel werden ausgepackt und aufgerollt, die Schäden und notwendigen Reparaturen besprochen. Das dauert seine Zeit, insbesondere wegen des Vorlieks unseres Großsegels, das an vielen Stellen gerissen ist und komplett zu erneuern ist. Nur, die passenden Mastrutscher sind nicht vorrätig und die Alten können nach dem Öffnen nicht wiederverwendet werden. Eine Notlösung wird gesucht und auch gefunden, statt durch Metallösen werden die Mastrutscher mit Gurtband festgenäht, in der Hoffnung, dass unser Baum die paar zusätzlichen Zentimeter zum Strecken des Unterlieks zulässt. Am 5.Januar soll alles fertig sein.

Vom Segelmacher aus schultern wir unseren großen Seesack und marschieren bergauf bis zur Wäscherei. Auf Wunsch wird dort auch mit warmen Wasser gewaschen und dadurch das Ergebnis sauberer. Weiter geht es wieder bergab in die Stadt, die leeren Seesäcke füllen wir beim Supermarkt auf, um für die Feiertage gut gerüstet zu sein. Bis wir zurück im Club sind, schmerzen die Füße und der vom Tragen gekrümmte Buckel. Wir besuchen kurz Hans und Barbara von der Resolute, dann treffen wir Ilona am Steg, die uns für den Abend an Bord der Bomika Gesellschaft leistet. Bis wir den angenehmen Abend beschließen, ist es bereits fast 0100h morgens und beim Club meldet sich niemand mehr, um Ilona abzuholen. Also wird Bommelchen hergerichtet und ich zum Rudern abkommandiert. Auf halber Strecke kommt und Dennis von der „Land Fall“ mit seinem motorisierten Schlaucherl entgegen und nimmt uns in Schlepp. Das schont zwar meine Armmuskeln, dafür fehlt aber auch die wärmende Bewegung in der eiskalten Luft. Man kann eben nicht alles haben!

Am Freitag ist es mal wieder recht bedeckt, aber einigermaßen ruhig. Ausgerüstet mit dem großen Seesack lasse ich mich an Land chauffieren, laufe in die Stadt um etwas Geld abzuheben. Leider sind die Bankomaten am anderen Ende und so wird es ein langer Spaziergang. Dann zurück und den Berg rauf, die Wäsche abholen. Bepackt und mit dem zarten Duft frischer Wäsche im Schlepp geht es weiter zum einzigen Schiffsausrüster der Stadt, wobei es eher ein kleiner Baumarkt ist, der eben auch einige Bootsteile und vor allem Außenborder und Generatoren verkauft. Aber einen Impeller bekomme ich dort leider auch nicht. So kleine Impeller wie den von unserem Kaufhauskläffer haben sie nicht. Sie bemühen sich sehr und suchen nach einer Lösung, aber letztendlich werde ich weiter geschickt. Eine Werkstatt für Autos, Motorräder und Außenborder soll ja alle Fabrikate behandeln, dort habe ich bestimmt mehr Glück. Doch auch dort schüttelt man nur die Köpfe und schickt mich zum anderen laden zurück. Weitere Optionen sind nirgendwo bekannt. Also trotte ich eben unverrichteter Dinge wieder zurück und wir machen uns einen gemütlichen Abend an Bord.

An Sylvester hat sich der Wind endgültig beruhigt. Ich rudere diesmal mit dem Dingi zum Club, versuche einiges im Internet zu erledigen, aber bereits nach kurzer Zeit schwächelt die Verbindung, bricht ab und regeneriert sich nicht mehr recht. Dafür treffe ich neben Hans und Barbara von der Resolute auch Jutta von der Polarwind, eine weitere Deutsche Yacht, die viel Zeit im Beagle Kanal, Antarktis und Patagonien verbringt. Vom Club AfaSyn aus rudere ich hinüber zum Club Nautico, um mir den Fußweg in die Stadt zu ersparen. Allerdings ist das Rudern mindestens genauso anstrengend, wenn auch weniger staubig als auf der Schotterstrasse.

Um Sylvester zu verbringen bekommen wir genügend Angebote, doch wir beschließen, selbigen an Bord zu feiern. Von dort sollten wir auch das Feuerwerk am besten beobachten können, was wie und wo das auch stattfindet. Schließlich stellt sich ansonsten auch die Frage, wie wir danach wieder an Bord kommen, ob das Wetter hält oder ob es in der Nacht wieder zum Pfeifen anfängt und ein Rudern unmöglich macht. Wie wird es hier sein? Viel Feuerwerk, Leute auf den Strassen, laute Musik? Als die Uhr endlich die entscheidende Stunde schlägt, wissen wir es: nichts von Alledem! Die Feuerwerksraketen lassen sich an einer Hand abzählen und davon die Hälfte versteckt sich hinter Häusern, da sie kaum in den Himmel steigen. Ausgenommen sind die von den Seglern abgeschossenen, abgelaufenen Seenotraketen, die rot am Himmel funkeln und langsam herab sinken. Ansonsten besteht das „Spektakel“ aus einem Hupkonzert der unterschiedlich tönenden Schiffssirenen von Frachtern und Cruisern, deren Signalhörner hustend, bellend und lachend sogar zwischendurch einen einigermaßen passablen Dreiklang produzieren. Dann ist es auch schon vorüber, wir trinken unseren Sekt aus und ab geht’s in die Heia.

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